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Unfallopfer René Heinen
Wie vier Sekunden Leben verändern

Unfallopfer René Heinen – wie vier Sekunden Leben verändern
René Heinen wurde als Zweijähriger von einem Motorrad angefahren. Ursula Heinen hat jahrelang dafür gekämpft, dass ihr Sohn ein normales Leben führen kann. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Als Zweijähriger wurde René Heinen von einem Motorrad angefahren und lebensgefährlich verletzt. Für ihn und seine Familie änderte sich der Alltag dramatisch. Es war ein langer Kampf, sich ein Stück Normalität zurückzuerobern. Von Jörg Isringhaus

Vier Sekunden an einem Tag vor 35 Jahren krempelten das Leben einer Leverkusener Familie komplett um. Ein Motorradfahrer erwischte den damals zweijährigen René Heinen mit dem Stiefel, der Junge wurde durch die Luft geschleudert, erlitt schwerste Verletzungen. "Seither ticken die Uhren für mich anders", sagt Renés Mutter Ursula Heinen.

Ihr Sohn war tagelang bewusstlos, sein Hirn beschädigt, die Ärzte mussten ihn mehrfach an der Luftröhre operieren. Sein Weg zurück ins normale Leben war so mühselig wie langwierig. Heute ist es das Anliegen der Heinens, Menschen zu sensibilisieren, vorsichtiger zu fahren. Sie wollen helfen, ähnlich folgenschwere Unfälle zu verhindern. Gemeinsam mit Innenminister Ralf Jäger (SPD) warben Mutter und Sohn am Montag für den nächsten Blitzmarathon am 21. April. Jäger: "Unfälle verstümmeln Menschen – auch seelisch."

Alles musste auf Renés Bedürfnisse abgestimmt werden

Auch für die Heinens war es ein langer, jahrelanger Kampf, sich ein Stück Normalität zurückzuerobern. Rund 50 Operationen musste René über sich ergehen lassen und wegen des Luftröhrenschnitts das Sprechen erst wieder neu lernen. Für die Mutter, die noch einen weiteren Sohn hat, eine große Belastung. "Ich habe nur versucht, jeden Tag rumzubekommen", erzählt die 68-Jährige. Am Anfang hätten noch Freunde ausgeholfen, später dezimierte sich die Zahl der Unterstützer. Schon bald habe die Familie alleine dagestanden mit ihren Problemen.

Schule, Ausbildung, ärztliche Behandlung, alles musste auf Renés Bedürfnisse und Möglichkeiten abgestimmt werden. Sie habe einmal die Stunden überschlagen, die sie aufgewandt habe, um René ein vernünftiges Leben zu ermöglichen und sei auf die Zahl 28.000 gekommen. "Bis heute haben mich die Gedanken an meinen Sohn nicht losgelassen", sagt sie. "Vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass er ohne den Unfall heute Rechtsanwalt oder Zahnarzt sein könnte."

Rund 270.000 Menschen erleiden jedes Jahr ein solches Schicksal

Rund zehn Prozent der Opfer einer Schädelhirnverletzung laborieren lebenslang an den Folgen, erläutert Helga Lüngen, Geschäftsführerin der "ZNS – Hannelore Kohl Stiftung für Verletzte mit Schäden des Zentralen Nervensystems". Rund 270.000 Menschen erleiden jedes Jahr ein solches Schicksal, davon etwa 70.000 durch Unfälle im Straßenverkehr. Rechnet man die Menschen hinzu, die indirekt involviert sind, also die Angehörigen, kommt man auf 2,5 Millionen Betroffene. "Und viele davon rutschen in die soziale Isolation", sagt Lüngen.

Was auch daran liege, dass der Staat den Opfern zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Das kritisiert auch Wilfried Echterhoff, Vorsitzender der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. Gerade im Umgang mit Versicherungen sei der Einzelne oft überfordert, zumal die Betroffenen nachweisen müssten, dass ihre Beeinträchtigungen vom Unfall herrühren. Echterhoff fordert daher, dass der Staat die Opfer in dem ungleichen Kampf mit den Versicherungen entlasten solle. Auch dürften Versicherungsleistungen nicht, wie es oft geschehe, über Jahre verschleppt werden.

Überhöhte Geschwindigkeit häufigste Unfallursache

Innenminister Jäger sieht den besten Opferschutz darin, Unfälle zu vermeiden. Im vergangenen Jahr seien auf den Straßen in NRW 524 Menschen gestorben, 13.100 wurden schwer und rund 63.000 leicht verletzt. Dennoch würden viele Menschen das Thema verdrängen. "Dabei kann jeder von uns Opfer eines Unfalls werden", sagt Jäger. Mit dem neuerlichen Blitzmarathon, an dem sich mehrere Bundesländer und mehr als 20 europäische Staaten beteiligen, steht daher die häufigste Unfallursache im Fokus: überhöhte Geschwindigkeit. Als Neuerung wird laut Jäger jetzt konzentriert zwischen 6 und 22 Uhr gemessen. Nach einer Untersuchung der RWTH Aachen zum Blitzmarathon vom vergangenen Jahr sind die Tempomessungen in dieser Zeitspanne am effektivsten.

René Heinen ist schon seit Langem selbst mit dem Auto unterwegs. Angst, sagt er, empfinde er dabei keine. Überhaupt geht der 37-Jährige recht souverän mit seinem kleinen Handicap um. Er selbst registriere nicht die Folgen des Unfalls. "Ich merke nichts, nur das Umfeld merkt sie", sagt er langsam und mit leiser Stimme, auch das eine Folge der Verletzungen.

Dank der Hilfe der Hannelore-Kohl-Stiftung darf die gelernte Bürokraft sich beruflich neu orientieren. Auch den Weg in den Sport hat René Heinen durch die Stiftung gefunden. So stand er für die Fußball-Nationalmannschaft des Deutschen Behindertensportverbandes bei der Europameisterschaft 2014 in Portugal im Tor. Auf der Tribüne saß seine Mutter – und war begeistert. "Als ich ihn auf dem Platz sah, waren alle Mühen vergessen", erzählt sie. "Ich war gerührt und stolz auf meinen Sohn."

Quelle: RP
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