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Ideen für die Zukunft
Utopien aus Wuppertal

Wuppertal. Das Projekt Utopiastadt in Wuppertal ist eine Art Werkstatt für Visionen. Gearbeitet wird am Gemeinwesen der Zukunft – ganz handfest. Nicht nur das Viertel profitiert davon: Für das Land ist die Ideenschmiede ein "Ort des Fortschritts". Von Jörg Isringhaus

"Utopie, die": Per Definition eine Idee, die so wirklichkeitsfern oder fantastisch ist, dass man sie nicht verwirklichen kann. Außer man heißt Christian Hampe und Beate Blaschczok.

Die beiden 35-Jährigen sind so etwas wie Utopisten mit ausgeprägtem Realitätssinn. Innerhalb von fünf Jahren haben sie im hochverschuldeten Wuppertal einen Ort aufgebaut, an dem nicht nur Ideen Wirklichkeit werden dürfen, sondern der selbst einmal nur Idee war und nun weit über die Stadtgrenzen hinaus ein handfestes wie erfolgreiches Symbol ist für kreative Schaffenskraft. "Wir wollten nicht nur über die Verhältnisse meckern, sondern etwas Konkretes tun", sagt Hampe. "Und zwar etwas, das sich auch verwirklichen lässt." Im Namen schwingen daher gleichermaßen Traum und Wirklichkeit mit: Utopiastadt.

Eine Werkstatt für Utopien

Sich ein eigenes Gemeinwesen aufzubauen, lieber noch eine eigene Gesellschaft, als Gegenentwurf zur bestehenden, das ist die Vision unzähliger Weltverbesserer in der Geschichte. Die allermeisten von ihnen hatten aber keinen Businessplan in der Tasche und holten Wirtschaftsförderung und Stadtsparkasse ins Boot. Blaschczok und Hampe schon.

Nach der Arbeit an drei Heften, dem "clownfisch-Statementmagazin", zu den Themen "Amerika", "Zerstörung" und "Schöpfung" hatten sich die beiden Kommunikationsdesigner gefragt, was als Nächstes folgen sollte, wo sie denn hinwollten. "Eigentlich ging es um Utopien", war Hampes Erkenntnis, und wenn man die ausprobieren wollte, musste man sich als nächsten logischen Schritt den passenden Ort dafür bauen – sozusagen eine Werkstatt für Utopien.

Tatsächlich ließ sich die Bank 2011 auf das Experiment ein und verpachtete das nach langer Suche gefundene Wunschobjekt – den stillgelegten, denkmalgeschützten Mirker Bahnhof in der Wuppertaler Nordstadt. An diesem Ort sahen die beiden Utopisten das größte Zukunftspotential, wiederum mit Blick für die Realitäten. Hampe: "Dort existieren ein aktives Wohnviertel, überregionale Anbindung an die Autobahn und regionale an die gerade entstehende Nordbahntrasse – also quasi eine Fahrradschnellstraße. Wir wollten nicht raus in die Walachei, sondern die Menschen vor Ort sollten mitbekommen, was hier bei uns passiert."

Diskussionen über Grundeinkommen, Mobilität oder Nachhaltigkeit

Tatsächlich führt heute im Mirker Viertel kein Weg mehr an Utopiastadt vorbei. Und nicht nur dort. Die Utopisten kooperieren bei Projekten etwa mit der Berliner Humboldt Universität, der Bochumer Zukunftsakademie und dem Wuppertal Institut. Sie helfen der Stadt dabei, ein Freifunknetz für Wuppertal auf die Beine zu stellen, haben eine offene Fahrradreparaturwerkstatt gegründet und einen Fahrradverleih auf Spendenbasis, sie unterstützen Urban Gardening, engagieren sich in der Diakonie und haben eine alternative Quartierskonferenz angestoßen, um das Viertel voranzubringen. Sie vermieten Büroplätze (Co-Working-Spaces), veranstalten Konzerte und Kongresse.

Kreative, Vereine und Initiativen tauschen sich dort über die unterschiedlichsten Themen aus, diskutieren unter anderem über Grundeinkommen, Mobilität oder Nachhaltigkeit. Nebenher betreiben die Utopisten das Café Hutmacher, das auf fair gehandelte, lokale Produkte setzt und zu einem Publikumsmagneten geworden ist – am Wochenende tummelt sich gefühlt das halbe Viertel am Mirker Bahnhof. Und das alles ist nur die Spitze des utopischen Eisbergs. "Natürlich bekommen wir nicht alle Details perfekt hin", sagt Blaschczok, "aber wir bemühen uns."

Utopiastadt wächst täglich

Noch dazu ehrenamtlich. Rund 150 Menschen unterstützen das Projekt, haben den maroden Bahnhof teilrenoviert und bilden das Fundament von Utopiastadt. Aber das Virus, dass dort Freiraum existiert für das Gestalten des Gemeinwohls, hat längst die Bürgerschaft infiziert. Jede Woche werden die beiden Initiatoren mit neuen Ideen überschwemmt, erzählen sie. "Nur muss die auch jemand umsetzen", sagt Hampe. Daran scheitern viele. Beharrlichere Gemüter schaffen es vielleicht, dass ihre Pläne im monatlichen Plenum der Utopisten diskutiert und auf Machbarkeit überprüft werden - denn es soll ja, wie schon gesagt, möglichst funktionieren. Beate Blaschczok: "Grundsätzlich war der Moment aber sehr schön, als wir plötzlich nicht mehr nur als Ideengeber fungierten, sondern die Ideen aus der Bevölkerung zu uns herüberschwappten."

Utopiastadt wächst also täglich; ideell wie real. Das Land NRW hat dem Projekt den Titel "Ort des Fortschritts" zugestanden. Bis 2019 müssen bereits versprochene Fördergelder eingesetzt werden. Vier Millionen Euro insgesamt kostet die Sanierung, rund 80 Prozent sollen aus Landesmitteln fließen, zehn Prozent steuert die Stadt bei, mindestens zehn Prozent der Förderverein Utopiastadt. Finanziell unterstützt wird der Verein beispielsweise von der Wuppertaler Jackstädt-Stiftung.

Stolz zeigt Hampe die ehemalige Wartehalle erster Klasse, in der heute Bauschutt lagert. Der hohe Raum mit der geschwungenen und verzierten Holzdecke ist ein Juwel, er soll nach der Renovierung einmal das architektonische Herz von Utopiastadt werden. Schon jetzt stapeln sich bei ihnen die Nutzungsanfragen, erzählt Christian Hampe. Jeder möchte dabei sein, wenn es erstmal richtig losgeht in Utopiastadt. "Aber die Reise ist noch lang", sagt Blaschczok, und, um noch eine weitere in diesem Fall nicht unpassende Phrase zu bemühen: Der Weg ist das Ziel. Die beiden Wuppertaler träumen von einem Campus auf den 57.000 Quadratmeter großen, noch ungenutzten Freiflächen um den Bahnhof herum. Wie in einem großen Ideen-Labor oder einem permanenten Workshop soll dort die bestmögliche Utopie gefunden werden. Wenn es denn so etwas überhaupt gibt.

Während das Gebäude mittlerweile den Utopisten gehört, sind die riesigen Brachen noch im Besitz der Bahn-Tochter Aurelis. Doch die Wuppertaler Real-Utopisten sind sicher um keine Idee verlegen, dies so bald wie möglich zu ändern.

Quelle: RP
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