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Verfolgungsfahrten
Darum fahren Flüchtende der Polizei so oft davon

Verfolgungsjagd: Darum fahren die Flüchtenden der Polizei so oft davon
Polizisten in Meerbusch nehmen einen Mann nach einer Verfolgungsjagd im November 2015 fest. FOTO: U.D.
Düsseldorf. Immer wieder liefern sich Autofahrer wilde Verfolgungsfahrten mit der Polizei. Oft entkommen die Flüchtenden. Der Grund: Sicherheit geht vor, auch auf der Verfolgungsjagd. Bevor es zu einem schweren Unfall kommt, lassen die Beamten einen Täter lieber entwischen. Von Laura Sandgathe

Emmerich am vergangenen Montagabend. Die Polizei will die Insassen eines verdächtigen Mercedes kontrollieren, die aus den Niederlanden gekommen sind. Zuerst reagiert der Fahrer auf die Anhaltezeichen der Beamten. Doch dann drückt er das Gaspedal durch und flüchtet. Die Streife nimmt die Verfolgung auf.

In den vergangenen Tagen häufen sich die Meldungen zu Verfolgungsfahrten mit der Polizei. Eine Auswahl: Von Emmerich bis Kleve, 27. Juni; von Meerbusch bis ins Ruhrgebiet, 23. Juni; durch Köln, 18. Juni; durch Leverkusen, 15. Juni; von Remscheid bis Hagen, 13. Juni. Diese Liste ließe sich weiter fortsetzen und legt die Vermutung nahe, dass Verfolgungsjagden für die Polizei in der Region mittlerweile beinahe Alltag geworden sind. Häufig kamen sie zuletzt auch im Zusammenhang mit Geldautomatensprengungen vor. "Eine landesweite Statistik für diesen Bereich gibt es nicht", sagt Nadine Perske, Sprecherin des Landesamts für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD). Wie häufig es in der Region tatsächlich zu Verfolgungsfahrten kommt, bleibt deshalb im Dunkeln.

Drei Tote bei Verfolgungsjagd FOTO: dpa, htf

Schwere Unfälle will Polizei nicht verantworten

Ob Polizisten einem Flüchtenden nachfahren oder nicht, hängt laut Stephan Hegger, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei NRW, immer vom Einzelfall und dem Ermessen der jeweiligen Beamten ab. "Eine Alternative zum Hinterherfahren wäre, das Kennzeichen zu notieren und mit dieser Information weiter zu ermitteln", sagt Hegger. Es gebe aber auch Fälle, in denen es keine Alternative zu einer Verfolgung gibt, "zum Beispiel eine Geiselnahme oder andere schwere Straftaten".

Doch auch, wenn die Situation sehr ernst ist, gilt laut Hegger das Prinzip: Andere und auch die Polizisten selbst dürfen durch die wilde Fahrt nicht gefährdet werden. "Sicherheit geht vor, die Verfolgung wird nicht um jeden Preis aufgenommen", sagt er. Bei hoher Geschwindigkeit und unter Missachtung der Verkehrsregeln steigt die Gefahr schwerer Unfälle. Im März starben in Baden-Württemberg drei Menschen, als ihr Wagen mit hoher Geschwindigkeit in einen Lkw prallte. Sie waren zuvor in eine Verkehrskontrolle geraten und hatten die Flucht ergriffen. Unfälle wie dieser seien nicht zu verantworten, sagt Hegger. Zumal es auch Unbeteiligte treffen kann.

Verfolgungsjagd endet in Straßenlaterne FOTO: G�nter Jungmann

Taktik: Verfolgen, bis der Tank leer ist

Entscheiden sich die Polizisten aber doch, die Verfolgung aufzunehmen, so können sie auf Unterstützung ihrer Kollegen aus den anderen Städten in NRW und auch aus den Niederlanden bauen. "Die lokalen Beamten kennen die Gegebenheiten vor Ort gut", erklärt Hegger. Das ist vor allem relevant, wenn die Flucht über Stadt- oder gar Landesgrenzen geht. Hier sieht Hegger die Polizei auch deutlich im Vorteil gegenüber den Flüchtenden. "Die Täter haben in der Regel nicht geplant, die Flucht zu ergreifen", sagt Hegger. Das passiere vielmehr häufig aus der Not heraus. Dann fahren sie in Gebiete, in denen sie sich nicht auskennen, nicht wissen, wo eine Sackgasse, eine Baustelle oder ähnliche Behinderungen sind. Ortskundige Polizisten können hier ihr Wissen nutzen, um sich den Flüchtigen zum Beispiel an einer geeigneten Stelle in den Weg zu stellen.

Doch das sei nicht immer der beste Weg, meint Hegger. "Eine gute Lösung kann auch sein, zu warten – bis die Täter müde werden oder kein Benzin mehr im Tank ist." Entscheide man sich für diese Strategie, versuche die Polizei gar nicht, die Flüchtenden zu stellen, sondern fahre einfach so lange auf Sicht hinterher, bis sich eine Gelegenheit ergibt. 

Fotos: Verfolgungsjagd durchs Rheinland FOTO: Daniel Bothe

Kriminelle halten sich nicht an Verkehrsregeln

Manchmal aber sei ein schneller Zugriff notwendig, sagt Hegger, zum Beispiel, wenn der Flüchtende Geiseln genommen hat. "Dann wäre es sogar denkbar, dass wir eine Kollision mit dem flüchtenden Fahrzeug herbeiführen, um es zu stoppen." Auch ein SEK-Einsatz auf der Autobahn oder der Einsatz eines Hubschraubers seien möglich. Doch auch hier betont Hegger, dass die Sicherheit der Beteiligten vorgehe: "Halsbrecherische Manöver, wie man sie zum Beispiel aus amerikanischen Filmen kennt, leisten wir uns nicht."

Hier liegt auch die Antwort auf die Frage, wieso die Polizei bei Verfolgungsfahrten so oft den Kürzeren zieht und die Flüchtenden davonfahren sieht. "Die Täter halten sich nicht an die Verkehrsregeln, nehmen keine Rücksicht auf andere. Die Polizisten schon", sagt Hegger. Außerdem seien getunte Sportwagen einfach schneller als Polizeifahrzeuge. "Wir sind auf der Autobahn schon mit stärker motorisierten Fahrzeugen unterwegs", sagt Hegger. Perske vom LZPD verweist auf die Sonderrechte, die Streifenwagen haben, zum Beispiel bei Einsatz von Blaulicht und Martinshorn. "Aber wir werden nie zu 100 Prozent vermeiden können, dass die Fluchtfahrzeuge schneller sind", sagt Hegger.

Der Fahrer des Mercedes aus den Niederlanden fuhr der Polizei am Montag allerdings nicht davon. Die Polizisten stellten ihn nach wilder Verfolgugnsfahrt in Kleve. Der Mann versuchte, zu Fuß zu flüchten, doch die Beamten konnten ihn und seinen Beifahrer festnehmen. Im Auto fanden sie eine Soft-Air-Pistole, auf der Straße Tütchen mit Marihuana und Ecstasy, die die Männer auf der Flucht aus dem Wagen geworfen hatten. Stoppen konnte die Flüchtenden ein Polizeiwagen, der sich ihnen auf der Fahrbahn quer in den Weg stellte. Also doch ein bisschen wie im Hollywood-Film.

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