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Kleve/Rees
Verteidiger fordern Freispruch für Gülsüms Vater

Gülsüm: Prozessauftakt am Landgericht Kleve
Gülsüm: Prozessauftakt am Landgericht Kleve FOTO: ddp
Landgericht Kleve, 11. Verhandlungstag im Mordprozess Gülsüm: Nachdem ein Zeuge ausgesagt hat, werden die Plädoyers gesprochen. Als erstes trägt Staatsanwalt Martin Körber vor, er fordert lebenslang für Gülsüms Vater, zehn Jahre für ihren Bruder und acht Jahre für den Angeklagten Miro M.. Von Ralf Daute

Warum ist die Wohnzimmerlampe so wichtig? Sie ist ein Baustein in der Anklage gegen den Vater, der an dem Mordkomplott gegen seine Tochter Gülsüm beteiligt gewesen sein soll – und zwar, indem er die zweite Drillingsschwester Z. zu einem Baumarkt schickte, unter dem Vorwand, für die defekte Lampe eine neue Glühbirne zu besorgen. Somit hätte Bruder Davut seine "entehrte" Schwester Gülsüm ungestört aus der Wohnung fortlocken können. Wenn die Lampe nun tatsächlich nicht mehr funktionierte, könnte dies ein Indiz dafür sein, dass der Vater nur die Erleuchtung der Wohnstube im Sinn hatte – oder aber, dass er einen sehr, sehr guten Vorwand gefunden hatte.

Die Sache mit der Lampe hat sich erledigt

Tatsache ist, dass die Lampe, die dort früher einmal hing, verschwunden ist. Dafür sagt sogar Nebihe S., die Ehefrau des angeklagten Vaters aus. Ursprünglich hatte sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, nun will sie doch zur Aufklärung beitragen – allerdings nur, was diese ominöse Lampe angeht. Ihre Aussage lässt sich denn auch in zwei Sätzen zusammenfassen: Die Lampe war kaputt. Es wurde eine neue montiert.

Dazu wird in der heutigen Sitzung ein Zeuge verhört. Er soll über die Elektroinstallationen im Hause des angeklagten Vaters aussagen. Da aber noch die Dolmetscherin fehlt, beginnt der Prozess um 11 Uhr.

11.37 Uhr: Die erste Uberraschung des Tages: Davut S., der Bruder von Gülsüm, wird in den Gerichtssaal geführt. Als er die Jacke vom Kopf nimmt, zeigt sich, dass er sich eine Glatze hat rasieren lassen.

11.40 Uhr: Es geht los. Rudi Kemkes (44), der Vermieter der Wohnung von Yusuf S., tritt in den Zeugenstand. Kemkes wird auf den fraglichen Lampenwechsel angesprochen. Seine Aussage: "Davon weiß ich nichts. Dazu kann ich nichts sagen." Richter Christian Henckel fragt: "Wurden Sie gebeten, die Lampe auszutauschen." Antwort : "Nein."

Verteidiger Siegmund Benecken will dem Gedächtnis des Vermieters auf die Sprünge helfen und spricht ihn auf einen Besuch in der Wohnung an. Daran kann er sich in der Tat erinnern - an die Lampe aber eben nicht.

11.53 Uhr: Nun zeigt Richter Henckel ein Foto vom 5. März. Die neue Lampe müsste darauf zu sehen sein. Ist sie aber nicht. Die Beweisanträge haben sich erledigt.

12.06 Uhr: Richter Henckel schließt die Beweisaufnahme. Nach einer kurzen Pause sollen die Plädoyers beginnen.

Staatsanwalt Martin Körber plädiert. Eine Stunde und 15 Minuten schildert er das Geschehen, wie es seiner Ansicht nach erfolgt ist. Die Tat sei von langer Hand geplant worden, gemeinsam von Vater Yusuf S. und Sohn Davut S., die detailliert die Tötung vorbereitet hätten.

Schließlich fordert er wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes lebenslange Haft für den Vater Yusuf S. und zehn Jahre für Davut, für den das Jugendstrafrecht angewendet werden soll. Dagegen soll bei Yusuf S. die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden, das heißt es würde keine vorzeitige Haftentlassung geben. Der mitangeklagte Russe Miro M. soll acht Jahre hinter Gitter - wegen Beihilfe zum Mord.

In seinem Plädoyer glaubt Körber sogar genau den Augenblick ausgemacht zu haben, an dem sich Gülsüms Schicksal entschied: Während eines Streits am Tag des Mordes, in dessen Verlauf der Vater zur Tochter sagte: "Ok, mach', was du willst." "'Ok'", so Körber im Brustton der Überzeugung, "das war letztlich das Todesurteil für Gülsüm."

Seine Interpretation: Damit habe der Vater zwar scheinbar ein tolerantes Verhalten gezeigt, aber "warum sollte der Angeklagte überraschend aufgeben?" Körber erinnert an die tyrannische Ader des Mannes und liefert eine andere Interpretation der Aussage: Damit habe er auch seinem Sohn gegenüber signalisiert, dass er Gülsüm fallen gelassen habe. Davut habe zur Tat schreiten können.

14.40 Uhr: Als erster entgegnet Siegmund Benecken, der Verteidiger des Vaters. Wortgewaltig, wie man ihn kennt. Körbers Vortrag sei ein "reines Phantasieprodukt". Benecken geht den Staatsanwalt frontal an: "Sie gehen quer durch die Akten, wie es Ihnen gefällt. Die Indizienkette ist nicht schlüssig, und es liegen schwere Fehler bei den Ermittlungen vor."

Kurze Unterbrechung des Plädoyers, als Yusuf S. anfängt zu weinen und laut schluchzt. Benecken: "Herr Yusuf, ich fände es gut, wenn Sie ruhig bleiben."

Heftige Krtitik an den Ermittlungen

"2000 Seiten Ermittlungen, und die Lampe, dieser Kernpunkt, ist niemals untersucht worden, das ist doch unmöglich!" Benecken fragt: "Warum sollte mein Mandant in der Ehre verletzt sein? Er hat die Beziehung doch toleriert! Wo ist das Motiv?" Lediglich Davut habe eines gehabt – er habe sich in seiner Ehre verletzt gesehen…

Fazit von Beneckens Plädoyer: "Im Zweifel für den Angeklagten". Also Freispruch.

15.28 Uhr: Wolfgang Zeidler, der zweite Verteidiger des Vaters, baut die Zweifel-Nummer aus: "Mindestens Zweifel bestehen. Es kann so gewesen sein (wie in der Anklage). Aber was ist, wenn es genau andersherum war – und wir sperren den Vater lebenslänglich ein?"

16.18 Uhr: Weniger optimistisch steigt Hans Reinhardt, Verteidiger von Davut, in den Ring. Er beantragte eine "angemessene Bestrafung" und bat darum, dass das Jugendstrafrecht angewendet werden solle. Damit liegt er auf einer Linie mit dem Staatsanwalt. Nach einer Viertelstunde ist er fertig.

16.33 Uhr: Jochen Thielmann, einer der beiden Verteidiger des angeklagten Russen, beginnt sein Plädoyer. Eine Fleißarbeit. Es dauert zwei Stunden, und es gibt wohl keinen Stein, der nicht umgedreht wird – von den Widersprüchen in Davuts Geständnis bis zu dem Knopf, der am Tatort gefunden wurde und der einer Jacke von Miro M. zugeordnet wurde. Thielmann: "Mein Mandant ist das Bauernopfer zum Wohle der Familie S.… Davut S. hat die Tat nicht spontan begangen, und er war kein Einzeltäter. An diesem Punkt endet meine sichere Überzeugung."

Die Beweisaufnahme habe sich wie das Zusammenfügen eines Puzzles gestaltet, bei dem die meisten Teile fehlten. Fazit: "Miro M. hat immer wieder betont, dass er mit der Tat nichts zu tun hat." "Es gibt Anhaltspunkte, dass weitere Familienmitglieder an der Tat beteiligt sind", sagt Thielmann. Er fordert Freispruch.

18.38 Uhr: Andrea Groß-Bölting, die zweite Anwältin des Russen, liefert Schützenhilfe. Sie hat ihren Vortrag als Powerpoint-Präsentation gestaltet, das hat es im Landgericht wohl noch nie gegeben. Ihre Kernthese: "Die Familie S. hat bewusst eine falsche Spur zu Miro M. gelegt."

Würde das Urteil nach arithmetischen Gesichtspunkten gefällt, hätte sie überzeugende Arbeit geleistet: Fünf "schlappe" Punkte sprechen gegen ihren Mandanten, dagegen weisen ca. 17 in eine andere Richtung. Vermutlich urteilt die Kammer aber nach anderen Erwägungen.

19.15 Uhr: Auch Andrea Größ-Bölting kommt zu der Erkenntnis, dass ihren Mandanten keine Schuld treffe.

19.17 Uhr: Richter Henckel gibt den drei Angeklagten die Gelegenheit zu einem Schlusswort. Davut S. schüttelt den Kopf. Yusuf S. schüttelt den Kopf. Miro M. sagt: "ich habe nichts getan, ich habe mit dieser Tötung gar nichts zu tun."

19.18 Uhr: Die Schlusssätze vom Vorsitzenden Richter: Die Kammer wird sich jetzt beraten. Urteilsverkündung am 29.12.

 
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