| 09.59 Uhr

Volker M. aus Oberhausen
Aufstieg und Fall eines Betrügers

Volker M. - Aufstieg und Fall eines Betrügers
Seine Kunden fand Volker M. stets im Branchenbuch (Symbolfoto). Beim Telefonvertrieb lernt er zuvor alles, was er für die Jahre seines Aufstiegs brauchte. FOTO: Julian Stratenschulte
Oberhausen. Volker M. hat jahrelang Menschen um Geld betrogen, sehr viel Geld. Und er hat seine Strafe bekommen. Die Geschichte eines Betrügers, der viel wagte, viel gewann – und am Ende alles verlor. Von Kirsten Bialdiga

Der Anzug ist aus besseren Tagen. Ein edler dunkler Stoff, leicht schimmernd, ohne dabei billig zu wirken. Passend dazu wäre ein blütenweißes Hemd mit Manschetten, die unter den Ärmeln hervorlugen. Volker M. aber trägt ein langärmeliges schwarzes T-Shirt mit rundem Ausschnitt. Das ist der eine Bruch. Der andere ist die Frisur: Die Haare hat er straff zurückgekämmt, sie reichen ihm bis auf die Schultern wie bei einem Fußballer der 70er.

Wie er aussieht oder wie er wirkt, ist Volker M. längst egal. Der 62-Jährige ist jenseits von allem, gehört schon lange nicht mehr dazu. Volker M. hat jahrelang Menschen um Geld betrogen, sehr viel Geld. Und er hat seine Strafe bekommen. Es ist eine kriminelle Karriere, wie es viele gibt, könnte man meinen. Doch M. ist höher geflogen als die meisten. Und anschließend tiefer gefallen.

In Essen geboren

Als Volker M. 1953 in Essen geboren wurde, deutete nichts auf ein schillerndes Leben hin. Der Vater war kaufmännischer Angestellter, arbeitete später in Oberhausen im öffentlichen Dienst, die Mutter ist Hausfrau. Geld war zwar nicht im Überfluss vorhanden, aber auch nicht knapp. Er ging zur Volksschule, machte eine Ausbildung zum Verkäufer im Eisenwarenhandel. Der Job machte ihm Spaß, aber als ein kleiner Schraubenfachhändler nach dem anderen schließen musste, wechselte er in einen Baumarkt.

Die Arbeit dort hatte nicht mehr viel mit dem zu tun, was er gelernt hatte. Viel schlimmer aber war diese Unzufriedenheit, ein Leben zu führen wie jeder andere. Und das Gefühl, dieses Leben nicht mal mehr selbst zu steuern. Mit Mitte 20 reichte es ihm. Er schmiss den Job im Baumarkt und antwortete auf eine Zeitungsannonce. "So fing der ganze Ärger an", sagt Volker M.

Der Start als Telefonverkäufer

Er wird Telefonverkäufer. Seine Aufgabe ist es, Kunden per Telefon dazu zu bringen, einen Termin mit einem Immobilienberater zu vereinbaren. Pro Termin gibt es 50 Mark, und M. erweist sich als geschickter Verkäufer.

Beim Telefonvertrieb lernt er alles, was er für die Jahre seines rasanten Aufstiegs brauchen wird: Am wichtigsten ist das gelbe Branchenbuch, hier findet er Adressen und Telefonnummern von Gewerbetreibenden. Also der Klientel, die Geld hat, oft genug auch schwarz verdientes. Wenig später beginnt M., für einen Broker als selbstständiger Berater am Telefon Börsengeschäfte zu vermitteln.

Das geht so: "Guten Tag, ich bin Volker M. Wollen Sie an der Börse spekulieren?" In 98 Prozent der Fälle lautet die Antwort: "Lass' mich mit dem Mist zufrieden." Aber zwei von 100 beißen immer an: "Es gibt Leute, die auf einen solchen Anruf hin einfach so 10.000 Euro schicken." In seinem Fall sind es 30.000 Mark, der Kunde schickt bald sogar eine Million. Typisches Anfängerglück, in diesem Geschäft ähnlich verführerisch wie beim Glücksspiel.

Tatsächlich wird er nicht mehr davon loskommen. Doch noch funktionieren seine inneren Warnsysteme. Als M. bemerkt, dass sein nächster Arbeitgeber wertlose Aktien vertreibt, kündigt er und gründet eine eigene Broker-Firma. Das Wissen eignet er sich selbst an. Von 1987 an verkauft er Aktienoptionen auf börsennotierte Unternehmen weltweit. Dass seine Vermittlungsprovision bei 50 Prozent liegt, ist vielen Kunden nicht klar. Ärger bekommt er mit ihnen nur, wenn sie Geld verlieren. "Solange die Gier befriedigt wird, ist alles gut", sagt M. Illegal ist es jedenfalls nicht, was er da tut. Eine Finanzaufsicht wie die heutige BaFin gibt es damals nicht.

Es folgen Jahre im Rausch

Was folgt, sind Jahre wie im Rausch. Im ersten Jahr macht er eine Million Mark Umsatz, im fünften sind es schon vier. Von da an liegt der Jahresumsatz seiner Prime-Core-AG bei 70 Millionen Mark und mehr. Sich selbst genehmigt er eine Million Mark Jahreseinkommen. Auf einmal hat das Leben keine Grenzen mehr. M. kann sich jeden Wunsch erfüllen: Aus dem 500er Daimler wird ein 600er, ein 12-Zylinder-Jaguar für die Ehefrau plus Oldtimer und Lamborghini.

Ein umgebautes Landhaus in Moers, Pferde und Reithalle für den Privatgebrauch, auf 30.000 Quadratmetern. Büroetagen an der Königsallee, 800 Quadratmeter für sechs Führungskräfte, ein Glaspalast. Und schließlich: ein geleaster Learjet. Von jetzt an kann M. auch räumliche Grenzen spielend überwinden.

Geld öffnet fast jede Tür

Das Geld öffnet ihm fast jede Tür. "Wenn Sie für eine Flasche Champagner 1500 Mark auf den Tisch legen, gehören Sie dazu", sagt er. Schon bald rückt er beim Ohoven-Wohltätigkeitsball ganz nach vorn. Dahin, wo die teuersten Tische stehen. Er fährt zur Baden-Badener-Rennwoche, verkehrt in den besten Hotels. Wirklich wohl fühlt sich M. in diesem Umfeld nie: "Auf mich wirkte diese Welt gekünstelt."

Die Nähe zur High Society sucht er vor allem aus einem Grund. Er will Kontakt zu den besten Steuerberatern und Rechtsanwälten, um seine Firma zu optimieren. Seine Kunden aber findet er weiterhin im Branchenbuch. Es ist eine verrückte Zeit: M. arbeitet beinahe ununterbrochen, er raucht 70 Zigaretten am Tag, trinkt bis zu 30 Tassen Kaffee, ruiniert seine Gesundheit.

"Es wird schnell langweilig, wenn man sich jeden Wunsch erfüllen kann"

Gleichzeitig spürt er, wie das Geld ihn verändert: "Es wird schnell langweilig, wenn man sich jeden Wunsch erfüllen kann." Menschen würden oberflächlich, zeigten nur noch wenig Verständnis für Dinge, die schiefgehen. Und sie glaubten, dass jeder und alles käuflich sei. An einem Silvesterabend etwa, in einem sehr teuren Hotel in Wiesbaden, habe er in der Bar einen Tisch reservieren wollen. "Gibt es nicht", antwortete der Kellner. "Doch gibt es", habe er gesagt, und 1000 Euro rübergeschoben. Mit Erfolg.

Zehn Jahre lang geht das so, bis 1997. Genau wie seine Kunden ist M. ein Getriebener: "Ich will mehr, ich will mehr, ich will mehr." Dann trifft er eine fatale Fehlentscheidung: Seine eigene Firma soll an die Börse gehen, und zwar in New York. Gleichzeitig begeht er noch einen Fehler: Er senkt die 50-Prozent-Provision auf ein übliches Niveau.

Beides zusammen bricht ihm das Genick: Die Vertriebsleute toben, sie sind an die höheren Provisionen gewöhnt. Und die Kunden werden unruhig. Ihnen hatte er bereits überteuerte Aktien seiner New Yorker Firma verkauft. Doch die US-Börsenzulassung zieht sich hin, immer mehr Kunden klagen gegen ihn, Staatsanwälte ermitteln.

Dann kommt jener Tag, der alles verändert. Volker M. steht an der Rezeption eines Berliner Luxushotels. Seine Rechnung beläuft sich auf 20.000 Mark, er zückt die Kreditkarte. Sehr freundlich wird er darauf hingewiesen, dass die Karte nicht funktioniert. Er zückt die nächste, wieder nichts. Alle vier Karten haben die Behörden gesperrt. Zum Glück hat er Bargeld dabei. Es ist eine der letzten Rechnungen, die er bezahlen kann.

Der jähe Absturz – Haft

Der Absturz ist jäh. M. wird wegen Fluchtgefahr inhaftiert. Sein Firmen-Imperium bricht zusammen, er muss Privatinsolvenz anmelden. Die Frau lässt sich scheiden. "Das Wort Schock kann nicht beschreiben, wie es ist, wenn man sich so schnell von ganz oben nach ganz unten schießt", sagt er und wirkt dabei doch gefasst. Als würde er über einen alten Freund sprechen, von dem er sich längst entfremdet hat.

Wegen hundertfachen Betruges wird M. zu einer Haftstrafe von über vier Jahren verurteilt. Nach Auffassung der Richter verursachte er über 30 Millionen Mark Schaden. Erst sitzt er im Gefängnis "Ulmer Höhe" in Düsseldorf, dann in Willich. Am schlimmsten, sagt er, sei neben der Fremdbestimmung die tägliche Gewalt im Knast: "Jeden Tag gibt es Aufruhr, ist Alarm, rennen Beamte." Er selbst jedoch bekommt bald ein paar Hafterleichterungen, darf in den offenen Vollzug.

Als M. herauskommt, ist er ein anderer. Die Strafe empfindet er als ungerecht, weil er nicht vorsätzlich gehandelt habe. Er hat noch diese Wut aufs System. Als Kneipenwirt will er wieder Fuß fassen, begeht aber wenig später Lastschriftenbetrug. Die Sache fliegt auf, wieder landet M. im Gefängnis, für über drei Jahre. Dieses Mal muss er sich eine Vierer-Zelle mit Mördern teilen: "Ich hatte die abartigsten Menschen um mich." So oft er kann, läuft er. Im Gefängnishof, immer im Kreis. 70 Kilometer pro Woche. Und er liest. Meistens Krimis.

Strafe und Resozialisierung wirken manchmal erst beim zweiten Mal

Seine zweite Tat bereut M. heute sehr, die Strafe sieht er ein: "Ein großer Fehler" sei der Lastschriftenbetrug gewesen. Für den Staatsanwalt ist M. ein gutes Beispiel dafür, dass auch bei Wiederholungstätern noch nicht alles verloren ist. Dass Strafe und Resozialisierung manchmal erst beim zweiten Mal wirken.

Heute lebt M. in einer kleinen Wohnung in Oberhausen von Hartz IV und einem Nebenjob. Ohne jede Perspektive: "Da ist völlige Gleichgültigkeit gegenüber allem, gegenüber sich selbst, eine riesengroße Leere." Das Vertrauen zu Menschen habe er verloren, sagt M. ohne jede Regung. "Mich interessiert nichts mehr, mich belastet nichts mehr."

Nur einmal muss sich M. zusammennehmen. Als er von seinen Kindern erzählt, 18 und zwölf Jahre. Als sie Kleinkinder waren, musste er ins Gefängnis. Die Mütter brachen den Kontakt ab. Er schluckt schwer, als er leise sagt: "Auch das habe ich in den Sand gesetzt."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Volker M. - Aufstieg und Fall eines Betrügers


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.