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Medizin-Tourismus
Von Arabien auf den OP-Tisch in Bonn

Medizin-Tourismus: Von Arabien auf den OP-Tisch in Bonn
Jedes Jahr kommen Touristen aus dem arabischen Raum nach Bonn. FOTO: DPA, Markus C. Hurek
Bonn. Jedes Jahr lassen sich Hunderte Araber in Bonn operieren. Die Stadt hofiert sie, weil die Gäste aus dem Orient den Tourismus ankurbeln. Von Christian Schwerdtfeger

Das Telefon im Büro von Khaled Guizani steht selten still. Eben erst hat sich ein Mann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (V.A.E.) gemeldet. Er hat wegen seiner Frau angerufen, sie leide an einem Herzfehler. Der Araber wünscht sich, dass sie in Bonn operiert wird. Guizani wird den Fall prüfen, ehe er sein Okay geben wird. Prüfen heißt in diesem Fall sicherzustellen, ob die Familie die Operation bezahlen kann. Denn die Zahlungsmoral in der arabischen Welt sei eine andere als in der Bundesrepublik. Aber mit Patienten aus den Emiraten habe man diesbezüglich selten Probleme. Sie hielten sich an die Spielregeln.

Khaled Guizani leitet die Stabsstelle am Universitätsklinikum Bonn. An ihn wenden sich vor allem Menschen aus dem arabischen Raum, wenn sie in Bonn medizinisch behandelt werden möchten - und das wollen immer mehr. "So um die 1000 Fälle vermittele ich jedes Jahr allein an unsere Einrichtung", sagt Guizani.

Die ehemalige Bundeshauptstadt hat sich zu einem medizinischen Zentrum für Patienten aus dem arabischen Raum entwickelt. Besonders das ehemalige Diplomatenviertel Bad Godesberg genießt mit seinen Krankenhäusern, Reha-Zentren und Uni-Kliniken einen hervorragenden Ruf in der arabischen Welt. Die Kontakte bestehen bereits seit Jahrzehnten, erklärt Guizani, und rührten aus der Zeit, als Bonn noch Bundeshauptstadt war.

Die Großstadt am Rhein mit ihren knapp 330.000 Einwohnern steht für Spitzenmedizin. Doch sie gilt auch als Hochburg des Salafismus: In keiner anderen deutschen Stadt sollen mehr Extremisten muslimischen Glaubens wohnen. Die Sicherheitsbehörden führen eine Liste mit rund 170 bis 200 dort gemeldeten Männern, von denen eine potenzielle Gefährdung ausgehen soll.

Viele Islamisten sollen in der Hochhaussiedlung in Bonn-Tannenbusch leben. Dort scheint der Wohlstand der vornehmen Boutiquen in der nur drei Kilometer entfernten Altstadt so weit entfernt wie die große Politik von Bonn seit Wegzug der Bundesregierung. 90 Prozent der Menschen in dem Viertel haben einen Migrationshintergrund, die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch. Jugendliche lungern auf den Straßen rum. "Viele hier finden Islamisten cool", sagt Ercan Jian, der inmitten der trostlosen Betonbauten vor einer schon seit Jahren geschlossenen Bäckerei auf einer Parkbank hockt.

Ercan Jian, Sohn einer pakistanischen Mutter und eines türkischen Vaters, legt Wert darauf, dass er in Deutschland geboren wurde. Deutsch spricht er aber nur gebrochen, weil man das in Tannenbusch nicht spreche, sagt er. Er will eigentlich nicht über sich und die Gegend reden, in der er lebt, in der er aufgewachsen ist, aus der er wohl nie rauskommen wird. "Wer hier aufwächst, hat keine Zukunft", sagt er.

Nur wenige Kilometer Luftlinie von Tannenbusch entfernt liegt die vornehme Neurologische Reha-Klinik Godeshöhe. Dort ist man nicht gut auf arabische Patienten zu sprechen. "Zwei Millionen Euro schulden sie mir noch", sagt Geschäftsführer Rolf Radzuweit. Monatelang erholten sich in seiner Einrichtung Kranke und Schwerverletzte, darunter Kriegsverletzte aus Libyen. Nicht alle bezahlten ihren Aufenthalt, verschwanden über Nacht. Radzuweit kratzt sich am Hinterkopf und sagt: "Versuchen Sie mal Geld von einem Araber zu bekommen, wenn der schon wieder in seiner Heimat ist." Unmöglich sei das.

Bei der Stadt will man von derlei Problemen nicht viel wissen. Man arrangiert sich nicht nur mit den arabischen Besuchern, man hofiert sie. Die ausländischen Gäste spülen schließlich ordentlich Geld in die Stadtkassen. "Der Medizintourismus stellt einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für Bonn dar", sagt ein Stadtsprecher. Jeder sechste Arbeitsplatz in Bonn sei in der Gesundheitswirtschaft verortet.

Wie sehr die Stadt Bonn die arabischen Gäste umgarnt, wird auch an der neuen Nähe des Rathauses zur König-Fahd-Akademie spürbar. Die Schule wurde für arabische Kinder gegründet, die nur eine Zeit lang in Deutschland leben, und sie stand einst unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, weil aus deren Umfeld einige gefährliche Islamisten stammen sollen. Die Rathaus-Verantwortlichen scheint das nicht zu stören. Man ist darauf bedacht, die Verantwortlichen und Förderer der Akademie, die mit Spenden reicher Araber finanziert wird, nicht zu verärgern. Sonst lassen sich die arabischen Patienten womöglich in anderen Städten operieren. Damit das nicht passiert, kondolierte Bezirksbürgermeisterin Simone Stein-Lücke der König-Fahd-Akademie auch zum Tode des saudischen Königs Abdullah. "Unsere Anteilnahme gilt der Familie König Abdullahs, die Träger der Fahd-Akademie ist, und den Menschen Saudi-Arabiens", schrieb sie. Damit noch mehr Araber in die Stadt kommen, wird es bald eine Willkommensbroschüre für internationale Patienten geben.

Sind es wirklich nur die diplomatischen Verbindungen und die Lage der Stadt am Rhein, die die Bonner Kliniken für die arabische Welt so attraktiv machen? Nein, sagt Rolf Radzuweit. Grund für den Medizintourismus sei das deutsche Gesundheitssystem, das für Patienten aus aller Welt wegen des Preisleistungsverhältnisses unschlagbar sei. "Die Araber schreiben ihre Operationen in der ganzen Welt aus", erklärt er. "Aber in Deutschland ist es halt am günstigsten und qualitativ hochwertigsten" betont er. Am Ende käme es immer aufs Geld an. "Und vielleicht ein bisschen auf die Lage am Rhein."

Zurück nach Tannenbusch. Marco G., der derzeit wegen eines versuchten Terroranschlags in Düsseldorf vor Gericht steht, stammt auch aus diesem Viertel. Darum war es auch kein Zufall gewesen, dass er und seine Mitstreiter im Dezember 2012 Bonn als Anschlagsziel ausgewählt hatten. An Gleis 1 des Hauptbahnhofes hatten sie eine blaue Sporttasche mit einem Sprengsatz abgestellt, der nur wegen eines Konstruktionsfehlers nicht detonierte. Die mutmaßlichen Terroristen rund um Marco G., kennt man in Tannenbusch gut. Ercan Jian, der immer noch auf der Parkbank hockt, will aber nichts über sie erzählen, nur dass er das mit der Bombe selbst nicht gut fand. Warum? "Weil sie nicht hochging."

Quelle: RP
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