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Prozessbeginn in Essen
War der Anschlag auf Tempel bloß ein "Dummejungenstreich"?

Terror-Anschlag: Explosion auf Sikh-Hochzeit in Essen
Terror-Anschlag: Explosion auf Sikh-Hochzeit in Essen FOTO: ap
Essen . Mitten im Ruhrgebiet geht am helllichten Tag eine Bombe hoch. Dahinter sollen drei islamistisch radikalisierte Jugendliche stecken. Sie wollten Menschen töten, sagt die Staatsanwaltschaft. Sie wollten einen Streich spielen, sagt ein Verteidiger. Jetzt läuft der Prozess.

Drei 16-Jährige sollen eine Bombe gebaut und gezündet haben, um "Ungläubige" damit zu töten. Versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung, Herbeiführen einer Explosion und Sachbeschädigung, alles aus islamistischen Motiven, wirft die Anklage den Jugendlichen vor. Seit Mittwoch stehen sie in Essen vor Gericht. Eine Jugendkammer will bis Ende Februar herausfinden, was genau geschah. Und warum.

Der Anschlag vom 16. April richtet sich gegen die Sikh-Gemeinde in Essen, eine Religion mit indischen Wurzeln. Die Bombe explodiert am Nachmittag dieses Samstags vor einer Eingangstür des Gemeindetempels in einem Essener Gewerbegebiet. Der Priester erleidet einen offenen Bruch am Fuß, zwei weitere Gemeindemitglieder kommen mit Schnittwunden davon. Kurz zuvor ist im Saal eine indische Hochzeit gefeiert worden.

Der Prozess gegen die Angeklagten des Anschlags auf einen Sikh-Tempel am Essener Landgericht findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, da die Angeklagten noch minderjährig sind. FOTO: dpa, nwi

Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen bei diesem Prozess. Zu jung sind die Angeklagten. Nur nahe Angehörige sind zugelassen. Vom ersten Tag wird nicht viel bekannt. "Nach Verlesung der Anklageschrift äußerte sich der erste der Angeklagten zunächst zu seinem Lebenslauf", teilt das Gericht am Nachmittag mit. Freitag geht es weiter, erneut ohne Zeugen.

Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Die drei Jugendlichen, die alle in Deutschland geboren wurden, sollen sich 2015 über soziale Netzwerke kennengelernt haben. Sie kommen aus Gelsenkirchen, Essen und der Kleinstadt Schermbeck am Niederrhein. Im Laufe der Zeit hätten sie sich radikalisiert. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen sollen sie eine Gruppe gebildet haben, die über einen Chatanbieter in Verbindung stand und plante, "Ungläubige" zu töten. Dies soll dann in den Anschlag gemündet sein.

Für die Bombe wurde ein Feuerlöscher mit Sprengstoff gefüllt. Die Chemikalien dafür soll der junge Mann aus Essen im Internet bestellt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten aus Gelsenkirchen und Essen vor, diese Bombe dann vor der Eingangstür gezündet zu haben. Der Angeklagte aus Schermbeck soll an der Planung und Vorbereitung beteiligt gewesen sein.

Der Jugendliche aus Gelsenkirchen, Yusuf T., hatte bereits seit November 2014 am nordrhein-westfälischen Projekt "Wegweiser" teilgenommen, einem Präventionsangebot, das gefährdete oder schon radikalisierte junge Salafisten in die Gesellschaft zurückführen soll. Schon damals habe sich das Kind als typischer Salafist gezeigt, hatte der Chef des NRW-Verfassungsschutzes, Burkhard Freier, Ende April gesagt.

Verteidiger spricht von "Dummejungenstreich"

Yusufs Verteidiger Burkhard Benecken bezeichnet die Tat am Mittwoch vor Journalisten als "völlig missratenen Dummejungenstreich". "Yusuf selbst ist geständig, die Bombe gezündet zu haben. Wir sagen allerdings, er hat nicht versucht, Menschen umzubringen, sondern es war ein völlig missratener Dummejungenstreich mit leider einer schwer verletzten Person." Sein Mandant stehe dazu, dass er auf dem völlig falschen Weg war, dass er zwei Jahre lang starken radikalen Einflüssen ausgesetzt war. "Er wendet sich heute ganz klar von diesen falschen Vorstellungen ab und sagt: "Das war alles ein paranoider Wahnsinn, den ich heute selbst nicht mehr nachvollziehen kann."

Und die Opfer? "Die Gemeindemitglieder sind bis heute noch geschockt über diesen Vorfall", sagt Jan Czopka, der Nebenklage-Anwalt des damals schwer verletzten Priesters. "Mein Mandant und der Vorstand der Gemeinde können diese schreckliche Tat bis heute nicht verstehen." Der Priester könne noch nicht wieder arbeiten.

 

(siev/dpa)
 
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