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Fragen und Antworten
Geldautomaten: Was wir über die Sprengungen wissen

Fotos: Geldautomaten-Sprengungen in der Region – Chronik
Fotos: Geldautomaten-Sprengungen in der Region – Chronik FOTO: Markus Gerres
Düsseldorf. In Kevelaer ist am Mittwoch erneut ein Geldautomat gesprengt worden. Es ist der 16. Fall dieser Art am Niederrhein seit Juli, in NRW gab es 2015 bislang fast 50 Fälle. Ob die "Audi-Bande" hinter den Sprengungen steckt, ist unklar. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Verbrechensserie. Von Laura Sandgathe

Seit dem Sommer gibt es beinahe täglich eine Meldung: "Geldautomat am Niederrhein gesprengt". Obwohl die Polizei laufend ermittelt und es immer wieder Hinweise auf die Täter gibt, bleiben große Ermittlungserfolge bislang aus. Wer sind die Täter? Was sind ihre Tricks? Und gab es eine vergleichbare Verbrechensserie schon einmal in der Region? Hier gibt es Fragen und Antworten.

Wann begann die Serie von Geldautomaten-Sprengungen?

Am frühen Morgen des 17. Juli wurde auf dem Gelände einer Tankstelle im Barbaraviertel in Neuss ein Geldautomat gesprengt. Die Täter flüchteten mit den Geldkassetten. Seitdem gibt es monatlich mindestens zwei Sprengungen in der Region, wie die Chronik zeigt. Doch möglicherweise ging die Verbrechensserie noch viel früher los. Im Kreis Heinsberg zum Beispiel wurden schon seit September 2014 immer wieder Geldautomaten gesprengt.

Wie viele Geldautomaten-Sprengungen gab es bislang?

Seit Jahresbeginn wurden in NRW 49 Sprengungen gezählt, den aktuellen Fall in Kevelaer eingerechnet. 16 Fälle - und damit rund ein Drittel der Gesamtzahl - ereigneten sich am Niederrhein. "Auch in den Vorjahren gab es immer wieder mal Sprengungen von unterschiedlichem Ausmaß", sagt Frank Scheulen, Pressesprecher beim Landeskriminalamt NRW. Doch in diesem Jahr seien die Zahlen eklatant angestiegen, die Vorfälle häufen sich.

Kevelaer: Geldautomat in Sparkasse gesprengt FOTO: Schulmann

Wie gehen die Täter vor? Gibt es ein Muster?

Sie kommen mit Gasflaschen, Schläuchen und Klebeband und bleiben nie länger als fünf Minuten am Tatort. Die Täter gehen bei den Sprengungen stets ähnlich vor. Trotzdem geht die Polizei davon aus, dass es nicht immer dieselben Täter sind, sondern mehrere Gruppen. Zuerst kleben die Täter die Überwachungskamera mit Klebeband ab oder verdrehen den Winkel, sodass keine brauchbaren Aufnahmen mehr gemacht werden. Dann bohren die Täter ein Loch in den Automaten und leiten ein Gasgemisch ein, das sie zur Explosion bringen. Aus den Trümmern nehmen sie das Bargeld mit und verschwinden. Bei der Schwere der Detonationen und Gebäudeschäden sei es "pures Glück", dass noch niemand verletzt wurde, so die Polizei.

Wie hoch ist der Schaden? Wie viel Geld wurde erbeutet?

Wie viel Geld die Täter bei ihren Aktionen erbeuten, sagt die Polizei nicht. "Darüber machen wir keine Aussagen, weil wir keine Anreize für weitere Täter schaffen wollen", sagt Scheulen. Bei den Sprengungen entstehe allerdings oft hoher Sachschaden an den Automaten und teils auch an den Gebäuden, in denen sie stehen.

Muss man als Kunde Angst haben, nachts zum Geldautomaten zu gehen?

"Sie müssen keine Sorge habe, nachts zum Geldautomaten zu gehen", stellt Scheulen ausdrücklich klar. Allerdings stellt er auch infrage, "ob man nachts um 3.45 Uhr überhaupt zum Geldautomaten gehen muss". 

Was macht die Polizei?

Das Landeskriminalamt hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Sie bündelt die Arbeit der örtlichen Polizei, denn diese ist bei den Sprengungen jeweils zuständig. "Wir versuchen, die Täterstrukturen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten", sagt Scheulen. So soll die Ermittlungsarbeit der örtlichen Behörden ergänzt werden. Außerdem gehe es um Prävention. "Es werden Gespräche mit den Banken geführt, um die technische Sicherheit der Automaten zu verbessern", sagt Scheulen. Acht Taten konnten bislang aufgeklärt werden - eine Serie von Geldautomaten in Baumärkten, auf die sich eine Bande aus Osteuropa spezialisiert hatte. Zwei Männer wurden festgenommen, drei sind flüchtig.

FOTO: Radowski

Was weiß man über die Täter?

Die Polizei vermutet, dass nicht eine Diebesbande für alle Sprengungen verantwortlich ist, sondern vielmehr verschiedene Täter-Gruppen dahinter stecken. "Wir vermuten, dass es sich um Täter-Gruppen aus den Niederlanden handelt und arbeiten deshalb eng mit den niederländischen Kollegen zusammen", sagt Scheulen. Diese Verbindung zu den Niederlanden liege auch deshalb nahe, weil sie sich besonders häufig Geldautomaten in grenznahen Städten aussuchen, heißt es. Außerdem sei auffällig, dass die Täter ein "rabiates Fluchtverhalten" an den Tag legten. Das hat nicht zuletzt die Audi-Verfolgungsjagd im September gezeigt.

War es die "Audi-Bande"?

Das Stichwort "Audi-Bande" wird mit einer spektakulären Verfolgungsjagd Anfang September über sieben Autobahnen im Rheinland in Verbindung gebracht. Als Polizisten am 4. September einen dunklen Audi für eine Verkehrskontrolle anhalten wollten, flüchtete der Fahrer - teilweise mit über 250 Stundenkilometern. Die Polizei nahm die Verfolgung auf, doch auch 21 Streifenwagen und ein Polizeihubschrauber konnten den Audi nicht stoppen. Auf der Fahrt in die Niederlande hielten die Flüchtenden sogar zwischendurch an, um zu tanken. Der Vorfall wurde später mit Fällen von Geldautomaten-Sprengungen in Verbindung gebracht. Seitdem steht bei jeder Sprengung die Frage im Raum, ob es eine Verbindung zur "Audi-Bande" geben könnte. Auch die Polizei ermittelt oft in diese Richtung.

Gibt es Überwachungsbilder? Werden diese veröffentlicht?

Bilder aus Überwachungskameras wurden bislang nicht veröffentlicht. "Die Kameras werden von den Tätern oft blind gemacht, dann sind die Bilder unbrauchbar", sagt Scheulen. Die Entscheidung, ob Bilder veröffentlicht werden, liege bei den örtlichen Behörden.

Geldautomat in Meerbusch gesprengt FOTO: Daniel Bothe

Wie reagieren die Banken?

Einige Filialen schließen nachts ihre Foyers, damit Kunden kein Geld mehr abheben können. Gleichzeitig soll es aber auch schwieriger für die Täter werden, sich Zugang zu den Geldautomaten zu verschaffen. Die Kreissparkasse Heinsberg entschied sich deshalb zu diesem Schritt, aber auch - unter anderen Geldinstituten - die Stadtsparkasse Köln.

Was könnten die Banken tun, um die Automaten besser zu sichern?

In den Niederlanden setzen die Banken Farbbeutel ein, die bei der Sprengung der Automaten explodieren und die Geldscheine für die Täter unbrauchbar machen. Das LKA empfiehlt, diese Methode auch in Deutschland anzuwenden. "In den Niederlanden wird das so gemacht. Seitdem sind solche Vorfälle extrem zurückgegangen", sagt Scheulen. Außerdem könne man die Automaten technisch besser ausstatten, zum Beispiel mit Gasdetektoren, die vor der Sprengung einen Alarm auslösen. "Einige technische Verbesserungen, die im Gespräch sind, wollen wir nicht öffentlich kommunizieren", sagt Scheulen. Die Täter sollen nicht gewarnt sein.

Der Chef des Geldautomaten-Herstellers Wincor-Nixdorf, Eckard Heidloff, setzt unterdessen auf Stahl und Beton: Das Problem der Gasattacken könne man lösen. Es komme nur darauf an, wie viel Geld man investiere, um die Automaten zu verstärken, sagt er.

Gab es schon einmal eine ähnliche Serie von Geldautomaten-Sprengungen?

Ja, auch wenn das Ausmaß der Sprengungen sehr viel geringer war, sagt Scheulen vom LKA. "Vor sechs oder sieben Jahren wurden im Raum Aachen mehrere Automaten gesprengt, allerdings nur rund zehn oder zwölf in einem Jahr", sagt er. Damals handelte es sich um Täter aus den Niederlanden, die festgenommen werden konnten. "Danach ging die Zahl auffällig zurück, wir hatten Jahre mit nur einer oder zwei Sprengungen", erinnert sich Scheulen. Seit Sommer 2015 stieg die Zahl dann wieder eklatant an.

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