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Erfahrungsbericht
Wenn Belästigung zum Job gehört

Wenn sexuelle Belästigung zum Job gehört
Nicht nur das Münchner Oktoberfest ist Schauplatz sexueller Belästigungen. FOTO: dpa, le_sei_kr htf fpt lof
Düsseldorf . Über die sexuellen Übergriffe in Köln diskutiert ganz Deutschland. Leider sind aufdringliche Männer nicht die Ausnahme auf Großveranstaltungen. Vor allem Kellnerinnen und Barkeeperinnen scheinen "leichte Opfer" zu sein.  Von Jessica Kuschnik

Ich kann hier nicht weg – und das ist ganz klar ein Nachteil, den die männlichen Besucher von Diskotheken ausnutzen. Als Barkeeperin stehe ich hinter der Theke und bin den plumpen Flirtversuchen, den Blicken, die Dekolleté und Po scannen, und den Versuchen, hinter den Tresen zu langen und mich anzufassen, ausgeliefert. Fast ein Jahrzehnt habe ich in diesem Job gearbeitet – die meisten Mädchen hören schon nach einem Jahr auf.

"Jeder Mann will sein wie der Barkeeper – und jeder Mann will die Barkeeperin." Mit diesem Spruch nimmt mir meine erfahrene Kollegin einige Wochen nach meinem Start in dieser Branche meine Naivität. Als 19-Jährige sehe ich mich plötzlich konfrontiert mit jungen Männern, die mir flirtend Freigetränke abschwatzen wollen und gegen Ende des Abends, wenn sie keine weibliche Begleitung unter den Besucherinnen der Diskothek gefunden haben, ihr Glück bei den Barkeeperinnen versuchen. Sturzbetrunken. Plump. Dreist. Ich lächle, schließlich sind das Gäste, die einen netten Abend haben wollen. Ich bleibe höflich. "Was soll das? Wenn dich jemand blöd anmacht, fliegt der raus", sagt meine Kollegin. "Das müssen wir uns nicht gefallen lassen."

Es ist kein Grundrecht von Männern, mich anzumachen

Das war mein Weckruf – doch bis ich ein ebenso dickes Fell wie meine Kollegin hatte, vergingen Jahre. Sexuelle Belästigung von Frauen – auch in Deutschland ist das Alltag, sagt Maja Wegener von der Frauenrechtsorganisation "Terre des femme". "Wir dürfen bei der aktuellen Debatte nicht aus den Augen verlieren, dass es das vor allem auf großen Veranstaltungen schon immer gegeben hat", sagt sie. 

"Baby, du bist aber hübsch", sagt ein betrunkener Gast in der Diskothek zu mir. Meine Antwort als 19-jährige Barkeeperin: "Danke." Meine Antwort als 29-Jährige: "Du weniger." Ich musste erst lernen, dass es kein Grundrecht von Männern ist, mich plump anzumachen – von anfassen ganz zu schweigen, und sei es nur, dass sie nach meiner Hand greifen. Manchmal bleibt es aber nicht dabei.

Beispiel Münchner Oktoberfest. Jedes Jahr gehen bei der dortigen Polizei Dutzende Anzeigen wegen sexueller Belästigung ein. Die Zahl liegt laut Polizeisprecher Gottfried Schlicht im zweistelligen Bereich, darunter auch immer zwei bis drei Vergewaltigungen. "Wir wissen, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist. Dabei geht es um Delikte wie das Anfassen der Frauen an Po und Busen", so Schlicht. Doch das sei kein Massenphänomen, Frauen auf dem Fest kein Freiwild. Dass Männer im Rudel die Frauen bedrängten wie in Köln, das habe eine ganz andere Dimension und käme nicht vor.

Die Wiesn sind ein Spießrutenlauf für Frauen 

Doch so weit muss es erst gar nicht kommen, die Belästigung durch Einzelne ist schon schlimm genug. 2011 berichteten die Autorinnen Karoline Beisel und Beate Wild von der "Süddeutschen Zeitung" von ihrem Wiesn-Besuch: "Der kurze Weg zur Toilette ist der reinste Spießrutenlauf. Drei Umarmungen von wildfremden, besoffenen Männern, zwei Klapse auf den Hintern, ein hochgehobener Dirndlrock und ein absichtlich ins Dekolleté geschütteter Bierschwall sind die Bilanz von dreißig Metern", schrieben sie. Doch nicht überall auf den Wiesn sei es so schlimm, geben sie zu. Angezeigt haben sie niemanden.

"Oft ist solch ein Erlebnis auch mit Scham besetzt", versucht Wegener zu erklären. Die Frauen geben sich eine Teilschuld, wenn sie bedrängt werden. "Die Debatte um Köln hat vielleicht einen positiven Effekt, nämlich dass der Aufschrei so groß ist und diese Männer eindeutig als Täter festgemacht wurden", sagt Wegener. Dass immer mehr Anzeigen bei der Polizei eingehen, zeige, dass sich die Frauen wehren und trotz ihrer möglichen Scham auf Konfrontation gehen. 

Im Gedränge haben die Frauen oft keine Chance, sich vor den Händen der Männer zu schützen, ebenso wie die Frauen in Köln ihnen nicht ausweichen konnten. Klar, niemand muss auf solch eine Großveranstaltung gehen, aber nicht die Frauen sind das Problem, sondern die Grapscher – unter denen übrigens auch Frauen sind. Auch meine männlichen Kollegen waren nicht davor gefeit, von weiblichen Gästen angefasst zu werden. Doch das war die Ausnahme, nicht die Regel.

Die Barkeeperin aber muss zu solchen Festen – das ist ihr Job. Schlimmer noch als die jungen Betrunkenen waren für mich die Betrunkenen, die so alt sind, dass ich dachte, sie müssten es besser wissen.

Beispiel Schützenfest in einem kleinen Dorf in Niedersachsen. Um 14 Uhr sind die meisten Besucher betrunken. "Süße, machst mir zehn Cola-Rum, ich zahl zwei, den Rest arbeite ich horizontal bei dir ab", schlägt mir ein Mann vor, der mein Vater sein könnte. Dann zwinkert er mir zu. Seine Freunde lachen anerkennend. "Sorry", sage ich, "Prostituierte wurden für heute Abend gar nicht eingestellt. Aber vielleicht schläft ihre Frau ja mit ihnen, wenn sie ihr genug Alkohol geben." Das findet er gar nicht witzig – dabei wollte ich doch nur lustig sein, so wie er. Konfrontation sei eine Maßnahme, sich lästiger Männer zu entledigen, sagt Wegener. Doch in Köln war das nicht möglich. Da ging es darum, schnellst möglich wegzukommen. 

Auch ich habe nie jemanden angezeigt 

Nicht alle Volksfeste sind so, die drei, auf denen ich gekellnert habe, waren es. Hans-Willi Arnold, Leiter der Pressestelle im Rhein-Kreis Neuss, sagt, dass es in den vergangenen 16 Jahren während des Neusser Schützenfestes im Bereich Sexualdelikte nie mehr als zwei Anzeigen pro Jahr gab. "Und das waren keine gravierenden Vorfälle, eher Beleidigungen auf sexueller Ebene", sagt Arnold. Auch ich habe nie jemanden angezeigt, obwohl man auch mir ins Gesicht und an den Po gefasst, mich verbal sexuell angegangen ist. Warum nicht? Berufsrisiko. Doch das entschuldigt das Verhalten der Männer nicht. Unsere Waffe war der Rauswurf dieser Übermütigen aus der Diskothek durch die Türsteher, und die waren nicht zimperlich.

Demnächst feiern wieder Zehntausende in ganz NRW Karneval. In Düsseldorf gab es 2015 innerhalb von fünf Tagen 14 Anzeigen wegen "Beleidigung auf sexueller Grundlage", so die Polizei, sowie eine Anzeige wegen Vergewaltigung. 15 Vorfälle zu viel, so die Ordnungshüter, aber kein Vergleich zu Köln. Vielleicht werden es in diesem Jahr mehr Anzeigen werden. Nicht, weil so etwas wie in Köln passiert, sondern weil Frauen sich auch gegen die Grapscher wehren, die meinen, gute Laune als eine Einladung zum Anfassen zu verstehen.

Übrigens wollen das nicht nur Männer mit Migrationshintergrund falsch verstehen, sondern auch Deutsche. "Die sexuelle Gewalt war schon immer da, das hat nichts mit Religion, Kultur oder Gesellschaftsschicht zu tun", sagt Wegener. Denn meistens geschehe sexuelle Gewalt hinter verschlossenen Türen, und nicht so öffentlich wie in Köln. Gegen beides muss man sich wehren. 

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