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Illegaler Handel
Warum Wilderer immer wieder Zoos und Wälder plündern

Tier-Dramen in NRW-Zoos
Tier-Dramen in NRW-Zoos
Dortmund/Reichshof. Nach dem Verschwinden von zwei Pinguinen will der Zoo Dortmund das Gelände besser sichern. Immer wieder werden exotische Tiere aus Parks gestohlen. Auch für den Handel mit heimischen Vögeln gibt es einen großen Schwarzmarkt. Von Jessica Kuschnik

Im Gehege der Totenkopfäffchen ist es ungewohnt ruhig. Nur noch wenige der kleinen Primaten tummeln sich auf dem Affenberg im Tierpark Reichshof-Eckenhagen (Oberbergischer Kreis). In einem speziellen Gehege ohne Zäune waren sie die Besucherattraktion - jetzt ist fast die gesamte Zucht weg, gestohlen in einer Nacht- und Nebelaktion. Genau wie der Dortmunder Zoo, dem Anfang der Woche zwei Humboldtpinguine gestohlen wurden, ist der Tierpark Eckenhagen das Opfer von Dieben geworden. "Uns wurde Sonntagnacht eine ganze Zuchtgruppe mit einem Männchen und sieben Weibchen gestohlen", sagt Leiter Werner Schmidt. "Im Januar wurden ebenfalls acht Tiere entwendet." Erst vor kurzem wurde das Gehege komplett erneuert. Wie es weitergehen soll, weiß Schmidt noch nicht.

Toter Pinguin in Dortmund

Für die Zoos sind die Diebstähle ein großer Verlust. In Dortmund wurde zudem ein Humboldtpinguin tot im Flamingo-Gehege aufgefunden. Das Tier soll im Veterinäruntersuchungsamt Westfalen in Arnsberg obduziert werden. Das Ergebnis wird frühestens in zehn Tagen vorliegen, so die Stadt Dortmund. Von den beiden Jungpinguinen fehlt jede Spur. Der Zoo hat derweil angekündigt, seine Sicherheitsmaßnahmen noch einmal zu verschärfen. Der Sicherheitsdienst soll aufgestockt und die Zäune sollen erneuert werden. Auch werde der Einsatz von Wachhunden erwogen. Maßnahmen, die sich der Reichshofer Park nicht leisten kann. "Das ist bei einem so großen Gelände einfach sehr schwierig", sagt Schmidt. Die Zucht der Totenkopfäffchen aufgeben will er aber nicht.

Immer wieder werden Zoos in ganz Deutschland bestohlen. Dieses Jahr hat es in NRW neben Dortmund und Reichshof auch Krefeld getroffen. Dort wurden im Juli drei Goldene Löwenäffchen entwendet. "Diese kleinen Affenarten werden wahrscheinlich gestohlen, weil es aufgrund ihrer Größe leicht machbar ist und sie einen großen Wert auf dem Schwarzmarkt haben", sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten (VdZ). Zwar sei der Handel mit exotischen Tieren kein Massenphänomen, jedoch käme es immer wieder vor und sei für die Zoos katastrophal. "Gerade bei bedrohten Arten, die einen hohen genetischen Wert für die Tierparks haben", sagt Homes. Auf dem Schwarzmarkt bringen die Tiere Gewinne im vierstelligen Bereich. "Auch Einbrüche in Museen, bei denen etwa Teile von Nashörnern gestohlen werden, zeigen, dass es in Deutschland einen illegalen Markt für Tiere und Tierteile gibt." Deshalb werden im Kölner Zoo eine ganze Reihe von Tieren videoüberwacht, darunter auch die Nashörner, deren Horn auf dem illegalen Markt zum vierfachen Goldpreis gehandelt werde, berichtete Zoodirektor Theo Pagel.

Nachwuchs bei den Bennett-Kängurus im Zoo Duisburg FOTO: dpa, Caroline Seidel

Global betrachtet sei der illegale Tierhandel der drittgrößte Markt nach dem Drogen- und Waffenhandel, sagt Josef Tumbrinck, Vorsitzender des Nabu NRW: "Das ist ein Riesengeschäft mit mafiösen Strukturen. Warum? Weil es in Europa und Amerika einen großen Markt etwa für Vögel und Reptilien gibt." Und so werden auch in Deutschland heimische Singvögel illegal gefangen und verkauft. Ende November hat die Polizei in Oberhausen 15 Stieglitze beschlagnahmt, die bei Ebay verkauft werden sollten - für 50 Euro das Stück. Die Vogelhaltung habe in Deutschland eine lange Tradition, sagt Tumbrinck. Früher habe man sie einfach im Wald eingefangen und zu Hause oder im Garten gehalten. Zwar sei die Zucht heimischer Vögel erlaubt, jedoch nur als Nachzucht und mit entsprechenden Dokumenten. Die Tiere kosten dann beim Händler gut 120 Euro. Für die illegalen Händler ist der Gewinn größer, wenn sie die Tiere wild fangen.

Problematisch bei der Bekämpfung des illegalen Vogelhandels seien die unüberschaubaren Strukturen der Szene der Waldvogelliebhaber, erklärt Alexander Heid vom Komitee gegen den Vogelmord, der mit seinen Kollegen den Fall in Oberhausen aufgedeckt und der Polizei gemeldet hat. "Die Tiere waren in schlechtem Zustand, als wir als vermeintliche Käufer dort aufgetaucht sind", sagt er. Verraten hat sich der Händler durch eine stümperhafte Anzeige bei Ebay, wo er Stieglitze günstig und ohne Papiere anbot. Dass aber im Wald tatsächlich professionelle Lebendfallen entdeckt werden, komme höchstens einmal im Jahr vor, sagt Heid. Auch die Gruppe der legalen Züchter bleibe eher unter sich. "Das ist eben kein Massenmarkt, sondern ein Liebhabermarkt", sagt Tumbrinck vom Nabu. Gerade weil es für den Laien so schwierig sei, Anbieter legal gezüchteter Singvögel zu finden, floriere der illegale Handel.

Das Geschäft ist lukrativ

Konkrete Zahlen gibt es nicht, da illegale Händler meist durch Zufall entdeckt werden, sagen die Experten. Doch das Geschäft ist lukrativ. So hat ein Mann aus Bottrop über Jahre hinweg gewildert - in fünf Jahren soll er laut seinen eigenen Geschäftsbüchern 100.000 Euro Reingewinn gemacht haben. 2012 stellte die Polizei bei einer Razzia 150 Vögel in 20 Volieren sicher. Im April dieses Jahres wurde er in 111 Fällen der Wilderei für schuldig befunden. Seine Geschäfte stellte er trotzdem nicht ein. Reporter der Recherche-Plattform "Correct!v" und der ARD-Sendung "Fakt" kauften kurze Zeit später verdeckt Dutzende Vögel bei dem Rentner - auch diese illegal gefangen. Im Juni kam die nächste Razzia, dem Mann droht nun ein weiterer Prozess. Überrascht waren die Reporter nicht. "In Deutschland hat sich ein engmaschiges Netz von Wilderern und Hehlern gebildet, das jährlich Zehntausende Tiere illegal fängt und verkauft. Vom Finken bis zum Salamander - so gut wie jedes wild gefangene Tier findet einen Abnehmer. Ein Geschäft, so lukrativ wie der Handel mit Elfenbein", heißt es.

Wer genau hinter den Zoo- und Wildtierdiebstählen steckt, ist schwer zu ermitteln. Eine Statistik führt das LKA nicht. "Es wird gemutmaßt, dass es sich vor allem bei den Fällen in Zoos um Auftragsdiebstähle handelt und die Tiere dann ins Ausland geschafft werden", sagt Volker Homes vom VdZ. Die Diebe gehen meist gezielt vor. Man könne aber nicht von organisierter Kriminalität sprechen, da es sich noch um Einzelfälle handelt - leider jedoch um regelmäßige Einzelfälle.

Für die Zoos jedenfalls ist jeder Einzelfall ein emotionaler wie wirtschaftlicher Schaden. In Reichshof will sich Leiter Werner Schmidt aber nicht entmutigen lassen. "Wir hatten eine der erfolgreichsten Nachzuchten von Totenkopfäffchen in Europa", sagt er - und da wolle man wieder hin.

Quelle: RP
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