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Prozess gegen Marcel H. in Bochum
"Wir waren Geschwister, aber das war einmal"

Mutmaßlicher Kindermörder Marcel H. vor Gericht
Mutmaßlicher Kindermörder Marcel H. vor Gericht FOTO: dpa, htf
Ihrem Bruder wird wegen zweifachen Mordes der Prozess gemacht – nun hat vor dem Landgericht Bochum die Schwester von Marcel H. ausgesagt. Die 22-Jährige hätte die Aussage verweigern können, doch das wollte sie nicht. Von Claudia Hauser, Bochum

Sandy H. wollte am späten Abend des 6. März gerade ins Bett gehen, als ihre Mutter anrief und sagte: "Marcel hat wahrscheinlich den Nachbarsjungen umgebracht." Sandy H. sagt, sie habe immer gespürt, dass ihr kleiner Bruder komisch ist. "Aber dass das ein so kranker Mensch ist, hätte ich nicht gedacht. Mit so etwas hätte ich niemals gerechnet." Die 22-Jährige mit den langen blonden Haaren wirkt selbstbewusst, als sie am Donnerstag in Saal C240 des Bochumer Landgerichts kommt. Sie wirkt entschlossen, spricht schnell, manchmal zu schnell. Der Vorsitzende Richter Stefan Culemann bittet sie mehrmals, etwas langsamer zu reden. Sandy H. wird als enge Angehörige des Angeklagten Marcel H. noch einmal darauf hingewiesen, dass sie die Aussage verweigern kann. Doch sie fällt dem Vorsitzenden beinahe ins Wort: "Ich möchte aussagen."

Es wirkt so, als ob die Bäckereifachverkäuferin alles loswerden will, was dazu beitragen könnte, den Mörder des Nachbarjungen Jaden möglichst hart zu bestrafen. Es spielt dabei keine Rolle mehr für sie, dass der Angeklagte ihr Bruder ist. "Wir waren Geschwister, aber das war einmal", sagt sie. "Ich möchte echt nichts mit diesem Jungen, der da sitzt, zu tun haben." Der 19-jährige Marcel H. schaut seine Schwester nicht an, er hält die Hände gefaltet und schaut vor sich auf den Tisch. Die ganze Zeit.

Bei der Polizei hat er gestanden, am 6. März den neunjährigen Jaden in einen Keller gelockt und getötet zu haben – mit 52 Messerstichen. Danach versteckte er sich bei einem Bekannten in Herne und tötete auch ihn, als der 22-Jährige merkte, wem er da Unterschlupf gewährt hatte. Marcel H.s Foto war damals in allen Nachrichten, die Fahndung nach ihm lief deutschlandweit. Im Prozess schweigt er bisher, hat über seinen Verteidiger die Taten aber zugegeben.

"Er war sehr reizbar"

Sandy H. soll im Prozess erzählen, wie die Kindheit der insgesamt drei Geschwister war. Sie kommt gleich auf Marcel zu sprechen, sagt, dass er in der ersten Klasse mit der Schere auf seine Lehrerin zugegangen sei, danach vier Jahre in einer Psychotherapie war. Er habe Sachen gemacht, die "andere Kinder nicht machen", Fliegen die Flügel ausgerissen, Wespen erstickt, mit dem Messer die Fleischwurst auf eine bestimmte Art "kaputt geschnitten". Später, als es einmal Internetverbot gegeben habe für ihn, habe er sämtliche Uhren des Stiefvaters kaputt geschlagen und dessen Tablets mit einem Messer zerstört. "Er war sehr reizbar, vor allem wenn man ihn ignoriert hat." Ihre Freundinnen habe sie immer angehalten, nicht in das Zimmer ihres Bruders zu gehen.

Der Vorsitzende will wissen, ob sie mal darüber geredet hätten, wofür Marcel H. gelebt habe, wovor er Angst und welche Träume er gehabt habe. "Über solche Dinge haben wir nie gesprochen", sagt seine Schwester.

Als der Vorsitzende über Jaden sprechen will, bricht Sandy H.s Stimme zum ersten Mal: "Ich mochte den Kleinen", sagt sie. Dann fließen die Tränen über ihr Gesicht und der Prozess wird kurz unterbrochen.

Jaden hatte Abwehrverletzungen

Eine Rechtsmedizinerin hatte am Morgen ausgesagt, dass Jaden durch einen Stich in die Schläfe gestorben ist. Viele der mehr als 50 Messerstiche wurden ihm nach seinem Tod erst zugefügt. Der Neunjährige hat noch versucht, das Messer mit der neun Zentimeter langen Klinge abzuwehren – darauf lassen die Verletzungen an seinen Händen schließen. "Ich gehe aber davon aus, dass der Tod sehr schnell eingetreten ist", sagt die Gutachterin.

Das zweite Opfer, Christopher W., ist verblutet. Die Ärztin stellte an seinem Körper 68 Stichverletzungen fest. "Sein Todeskampf hat deutlich länger gedauert", sagt die 41-Jährige. Marcel H. hatte bei der Polizei zu Protokoll gegeben, dass er den deutlich größeren und schwereren Bekannten zu Boden ringen wollte, das aber nicht gleich geschafft hatte. Er habe ihm dann seinen Gürtel um den Hals gelegt und zugezogen, bis Christopher sich nicht mehr bewegt habe.

Die Rechtsmedizinerin bestätigt, dass der 22-Jährige deutliche Verletzungen am Hals hatte. Die Kammer hatte den Müttern vor diesem Prozesstag nahe gelegt, nicht zu kommen. Doch die beiden Frauen wollen alles hören. Jadens Mutter hält die Hand von Christophers Mutter fest in ihrer.

Sandy H. hat ihren Bruder ein einziges Mal im Gefängnis besucht. "Ich durfte mit ihm nicht über die Taten sprechen, aber eine Frage habe ich ihm gestellt: Bereust du es?" Und Marcel habe mit einer "unglaublichen Gleichgültigkeit" gesagt: "Nein." Dann habe er stolz erzählt: "Ich bin auf 4chan". Auf der Website veröffentlichen Nutzer Bilder und Posts, die schockieren sollen. Marcel H. war dort neben dem toten Jaden im Keller zu sehen, die Fotos hatte er selbst gemacht. Der Vorsitzende fragt seine Schwester: "Haben Sie ihn schon einmal ähnlich stolz erlebt?" Sandy H. überlegt kurz und antwortet: "Nein."

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.