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Nach Angriff auf Neusserin
Wisent-Projekt steht vor dem Aus – Tieren droht Tötung

Wisent-Projekt steht vor dem Aus
Die freilebende Wisent-Herde könnte bald wieder verschwinden. FOTO: dpa, mb vbm
Bad Berleburg/Schmallenberg. Weil eine Wisentkuh Ende Mai eine Wanderin aus Neuss angegriffen hat, steht das Projekt nun auf der Kippe. Die seit drei Jahren im Rothaargebirge frei lebenden Tiere müssten dann eingefangen oder sogar getötet werden, sagt der Trägerverein.  Von Jessica Kuschnik

Es könnte das traurige Ende eines Projektes sein, das deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hat und den Tourismus im Hochsauerland und dem Kreis Siegen-Wittgenstein beflügeln sollte. Seit drei Jahren lebt in den Wäldern der Region eine Wisent-Herde – wild und ohne Zäune. Doch vor gut drei Wochen ist das Vorzeigeprojekt ins Wanken geraten. Eine Wisentkuh hatte eine 47-jährige Frau aus Neuss angegriffen und dabei leicht verletzt. Der Vorfall sorgte für heftige Reaktionen. Nun streiten die Landräte der Region um den Erhalt des Projektes. Die Tourismusbranche ist ebenfalls zweigeteilter Meinung. Und der Trägerverein bangt um das Leben der Tiere.

Karl Schneider, Landrat des Hochsauerlandkreises, möchte, dass die Tiere aus seinem Kreisgebiet verschwinden. "Wir haben eine akute Gefährdungslage gehabt. Wir müssen möglicherweise damit rechnen, dass noch weitere Gefährdungslagen eintreten werden", sagte er am Montag bei einem Treffen mit den Initiatoren. "Und ich möchte nicht, dass der Staatsanwalt bei mir im Hochsauerlandkreis sitzt und fragt: Was hast du denn eigentlich dagegen getan, um das zu verhindern?"

Wisentkuh wollte womöglich Jungtier beschützen

Die Begegnung zwischen Wisentkuh und Wanderin am 22. Mai ging glimplich aus. Die Frau war mit ihrer Familie auf einem Rundwanderweg entlang des Rothaarsteiges unterwegs, als plötzlich eine Gruppe der europäischen Bisons in einigen Metern Entfernung auftauchte. Als die Frau in einer Böschung Schutz suchte, stieß das Wisent die Neusserin mit dem Kopf. Dabei trug die Frau Prellungen und eine Schürfwunde davon. Der Trägerverein geht davon aus, dass die Wisentkuh ein Jungtier beschützen wollte. Es war der erste Vorfall dieser Art in drei Jahren.  

Damit es dabei bleibt, empfiehlt Schneider, die Tiere in einem bestimmten Gebiet einzuzäunen. Dagegen wehrt sich der Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, Andreas Müller: "Das ist ein Auswilderungsprojekt. Wenn wir die Tiere einzäunen, sind sie nicht mehr frei", sagte er gegenüber dem WDR. "Übersetzt heißt das für mich: Die Forderung des Hochsauerlandkreises kommt einer Aufforderung gleich, das Projekt abzubrechen." 

85.000 Euro kostet das Einfangen der Tiere

Und das hätte auch schwerwiegende Konsequenzen für die Tiere, sagt Michael Emmrich, Sprecher des zuständigen Trägervereins, der für die Wisent-Herde verantwortlich ist. "Wir werden kämpfen und versuchen zu verhindern, dass die Tiere eingesperrt oder getötet werden müssen." Denn mit einem Zaun sei das Projekt am Ende und nur noch eines von Dutzenden in Deutschland, in denen es bereits mehrere Wisent-Herden gibt – jedoch keine weiteren in Freiheit. "Das Einfangen der Tiere, um sie woanders unterzubringen, würde mindestens 5000 Euro pro Tier kosten – und das kann sich der Verein nicht leisten", sagt Emmrich. 85.000 Euro unterm Strich. Die Tiere müssten dann getötet werden.

17 Wisente leben inzwischen in der Herde, viele von ihnen sind in freier Wildbahn zur Welt gekommen. "Ich bin deshalb auch davon überzeugt, dass das Einfangen der Tiere artenschutzrechtlich nicht umzusetzen ist", sagt Emmrich. Das NRW-Umweltministerium will keine rechtliche Einschätzung abgeben, solange nicht entschieden wurde, wie es mit den Tieren weitergeht.

Die Tourismusbranche in der Region ist ebenfalls zweigeteilter Meinung. "Ich bin sehr traurig, dass sich das Ende des Projektes anbahnt", sagt Thomas Weber, Geschäftsführer Sauerland-Tourismus und gleichzeitig Vorsitzender des Rothaarsteigvereins. "Ich hätte mir gewünscht, dass das Projekt wie vorgesehen ein Wildnisfeeling in die Region bringt." Doch das drohe nun zu scheitern. Viel Hoffnung hat Weber nicht, zu verhärtet seien die Fronten. "Ich bedauere die Heftigkeit und die Schnelle, mit der die Gespräche zwischen den Parteien geführt wurden. Man kann zwar nicht tatenlos mit ansehen, wenn ein solcher Vorfall wie vor drei Wochen passiert – übrigens ein Einzelfall –, aber man muss in Ruhe darüber sprechen und eine Lösung finden."

Der Vorfall sei ein gefundenes Fressen für die Gegner des Projektes, sagt Emmrich. Seit Jahren beklagen Waldbauern aus Schmallenberg, dass die Tiere ihre Bäume beschädigen. Ob eine Einstellung des Projektes dem Tourismus schaden könnte, mag Weber nicht zu sagen. Doch die Fronten seien verhärtet. "Es gibt Gastronome,n die sich darum Sorgen, dass keine Gäste mehr kommen, wenn diese jetzt Angst vor den Tieren haben." Er fürchtet, dass mit dem Ende des Projektes auch die touristischen Beziehungen zwischen dem Hochsauerlandkreis und dem Kreis Siegen-Wittgenstein leiden könnten. 

In vier Wochen wollen sich die Beteiligten wieder an einen Tisch setzen. Bis dahin muss eine Lösung her – sonst ist das Projekt Geschichte. 

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