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Feuergefahr in Wuppertal
Bewohner des evakuierten Hochhauses sind wütend

Hochhaus in Wuppertal wegen Brandgefahr evakuiert
Hochhaus in Wuppertal wegen Brandgefahr evakuiert FOTO: dpa, sab
Die Bewohner des Hochhauses in Wuppertal, das wegen Brandgefahr evakuiert wurde, sind sauer und traurig. Innerhalb von 20 Minuten mussten sie ihre Wohnungen verlassen. Einige zweifeln, dass notwendige Sanierungen zeitnah durchgeführt werden. Von Christian Schwerdtfeger, Wuppertal

Das betroffene Wohngebäude soll eine ähnliche Fassadendämmung haben wie der Londoner Grenfell Tower, der vor zwei Wochen komplett ausbrannte. Das Feuer hatte auf den gesamten 24-stöckigen Sozialbau übergegriffen. Mindestens 79 Menschen starben. In Wuppertal mussten deshalb nach einer Brandschutzbegutachtung alle Bewohner des elfstöckigen Hochhauses ihre Wohnungen verlassen.

20 Minuten Zeit zum Packen

Das Hochhaus ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, Anton und Alicia T. (beide 56) stehen vor dem Hochhaus. Das Ehepaar wohnt in der 5. Etage. Sie war gerade zur Arbeit gegangen, und nur ihr Mann war zu Hause, als um 15.45 Uhr Mitarbeiter des Ordnungsamtes an der Wohnung des Ehepaares klingelten. Sie sagten, die Bewohner hätten 20 Minuten Zeit zu packen. "Das war's – mehr haben die uns nicht gesagt", sagen die beiden, die nach eigenen Angaben stinksauer sind.

Alicia T. kam sofort von ihrer Arbeit nach Hause. Das Paar suchte schnell Wertsachen und Kleidung zusammen. Sie nehmen das Angebot einer Ausweichwohnung nicht an, sondern kommen bei ihrer Tochter unter. Wann sie in ihr Zuhause zurückkehren können, wissen sie nicht. Am Mittwoch dürfen sie wohl noch einmal kurz in die Wohnung, um weitere Sachen zu holen. Jeder Bewohner durfte zunächst nur einen Koffer mitnehmen, alles andere musste im Haus bleiben, hieß es am Dienstag.

89-Jährige weint beim Verlassen des Hauses 

Gegen 19 Uhr verlässt die letzte und älteste Bewohnerin das Gebäude. Johanna Klosa ist 89 Jahre alt und lebt seit 47 Jahren in dem Hochhaus. Ein Polizist hilft ihr die Treppe hinunter, ihre Enkelin Claudia Finkenbusch begleitet sie. Als es an der Wohnungstür schellte, konnte Klosa nicht selbst öffnen. Die Seniorin hat Pflegestufe IV und schafft den Weg zur Tür nicht mehr. Ihre Enkelin half dann dabei, dass die alte Dame ihre Wohnung verlässt. "Meine Oma ist sehr verwirrt und hat bitterlich geweint", sagt Finkenbusch, die nicht versteht, warum den Leuten nicht mehr Zeit gelassen wurde, ihre Sachen aus den Wohnungen mitzunehmen.

Viele ältere Menschen würden im Haus leben, die Pflegeunterlagen ihrer Oma haben sie zum Beispiel nicht mitgenommen. Wo die alte Dame nun unterkommt, wird geklärt: Die Wohnungen der Stadt sind nicht für sie geeignet, ihre Familie wird sie wohl aufnehmen, auch wenn sie nicht auf die besonderen Bedürfnisse der 89-Jährigen eingestellt sind. "Meine Oma hat das Haus in letzter Zeit nicht mehr verlassen", sagt Claudia Finkenbusch. "Und ihre Sorge ist groß, dass sie nicht mehr zurückkehren wird.

Auch andere Bewohner fragen sich, wann und ob sie wohl noch einmal in ihre Wohnungen zurückkehren dürfen. Die Fassade muss abgetragen und ausgetauscht werden, das wird Wochen, wenn nicht gar Monate dauern. Manche fragen sich auch, ob dafür überhaupt das Geld in die Hand genommen wird. Der Eigentümer des Hauses sei nicht bereit, an den Maßnahmen mitzuwirken, heißt es bereits am Dienstag von Seiten der Stadt. 

Evakuierung am Vormittag beschlossen

Die Entscheidung zur Evakuierung sei bereits am Vormittag getroffen worden, sagte Jochen Braun, Ressortleiter der Stadt Wuppertal für Bauen und Wohnen. Das Gebäude, entstanden Ende der 1960er Jahre, hat 86 Wohnungen, 71 Bewohner wurden evakuiert. Schon früher sei bekannt gewesen, dass die Fassade aus brennbaren Materialien besteht, doch erst die Brandkatastrophe von London habe gezeigt, wie schnell und massiv ein Gebäude in Flammen stehen kann. Damit habe man vorher nicht gerechnet, heißt es. Die Stadt wird nun alle Hochhäuser überprüfen. Noch sei nicht abzusehen, zu welchem Ergebnis man komme und ob auch weitere Bewohner ihr Zuhause verlassen müssen.

Die Fassade besteht aus Kunststoff und einer Holzkonstruktion, die noch mit Holzwolle gefüllt ist. Wenn das Material entfernt ist, könne das Haus wieder bezogen werden.

 
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