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Live-Blog #ZufluchtNRW
Das bewegte unsere Flüchtlingsreporter am meisten

Fotos: #ZufluchtNRW: So leben Flüchtlinge in unserer Region
Fotos: #ZufluchtNRW: So leben Flüchtlinge in unserer Region FOTO: RPO, Laura Sandgathe
Düsseldorf. In einer großen Live-Reportage besuchten am Donnerstag drei RP-Reporter Flüchtlingsorte in der Region. Von den vielen Eindrücken bleiben einige besonders im Gedächtnis: ein Bettenlager im Finanzamt, ein Banker aus Syrien, der alles verlor, und die überwältigende Helferkultur.  Von S. Dalkowski, L. Krause, L. Sandgathe

Düsseldorf: Quirliges Leben im Finanzamt (von Sebastian Dalkowski)

Für ein Finanzamt ist es hier ziemlich bunt. Und es wird viel gelacht. Das könnte daran liegen, dass hier mittlerweile keine grau gekleideten Beamten mehr über die Flure schleichen, sondern Asylbewerber aus rund 18 Nationen ein paar Monate ihres Lebens verbringen. Seit Mai dient das ehemalige Finanzamt Nord an der Roßstraße in Düsseldorf als Notunterkunft des Landes NRW für Flüchtlinge. Und wer dort einmal über die Etagen geht, der hört Kinder lachen und kreischen, der sieht Bilder, die sie gemalt und an die Wände gehängt haben.

Fast 500 Flüchtlinge sind hier untergebracht. Sie kommen aus Syrien, aus Eritrea, aus Albanien und schlafen in Vier- bis Acht-Bett-Zimmern. Betrieben wird die Notunterkunft von den Johannitern. Mit Vollzeitstellen, Teilzeitstellen und Ehrenamtlern. Wer hier wohnt, der kommt meist von einer Erstaufnahmestelle, stellt hier seinen Asylantrag und wartet, wie es weitergeht. Im besten Fall geht es dann nach spätestens drei Monaten weiter in Unterkünfte der Kommunen.

900 Flüchtlinge kommen mit Sonderzügen in Düsseldorf an FOTO: Christoph Reichwein

Bis dahin versuchen die Menschen, sich möglichst wohnlich einzurichten und die Zeit herumzukriegen. Sie beschäftigen sich mit ihrem Smartphone, spielen mit ihren Kindern, stellen sich in der Kantine an. Das Mittagessen kommt eingeschweißt und einzeln portioniert. Die Leute warten geduldig. Heute gibt es Hackbällchen mit Möhren und Kartoffelpüree. Schweinefleisch steht wegen der vielen Muslime nie auf dem Speiseplan. Sie können auch Fußball spielen beim benachbarten Verein, am Lauftreff teilnehmen oder Fernsehen gucken. "Das hat schon Public-Viewing-Charakter", sagt Katrin Rütter von den Johannitern. Gerade hat sich noch ein weiterer Bus mit Flüchtlingen angekündigt, knapp 50 Menschen kommen noch heute. Sind die erst mal untergebracht, ist das Finanzamt ausgebucht.

Duisburg: Ein Banker sucht eine sichere Heimat (von Laura Sandgathe)

Als ich Mazn frage, ob es in der Flüchtlings-Notunterkunft in Duisburg-Walsum auch etwas gibt, das ihn stört, ist ihm anzumerken, dass er sich eigentlich nicht beschweren will. Mazn ist 40 Jahre alt und stammt aus Syrien. Dort war er Banker, hatte einen guten Job, erzählt er in perfektem Englisch. Trotzdem hat er Syrien verlassen. "Ich suche eine sichere Heimat für meine Familie", sagt er. Deshalb ist er geflohen, von Syrien in die Türkei, nach Griechenland, nach Italien, schließlich nach Deutschland. "Die Flucht hat mich viel, viel Geld gekostet", sagt Mazn. Das habe er in die Zukunft seiner Tochter investiert. Das sechs Jahre alte Mädchen drückt sich schüchtern an ihren Vater. "Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt - ich möchte wieder arbeiten, meine Tochter Maja soll in die Schule gehen", sagt Mazn.

Der Syrer ist dankbar dafür, wie er und seine Familie in Duisburg aufgenommen wurden. "Das Wichtigste ist, dass wir hier willkommen sind." Er habe sich Deutschland ganz bewusst als Ziel ausgesucht. "Dass das Land wirtschaftlich stabil ist, dass es sicher ist - das ist alles zweitrangig", sagt Mazn. Nach Syrien will er nicht zurück.

Fotos: Eine Nacht in der Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft FOTO: Bernd Schaller

Schließlich spricht er doch an, was in dem Lager, in dem derzeit 199 Menschen in Zelten leben - jeweils sechs Personen auf 30 Quadratmetern - nicht so läuft wie es soll. Mazn macht sich Sorgen um die Gesundheit seiner Tochter. Das Mädchen war seit Tagen nicht mehr auf der Toilette, die Sanitäranlagen sind in einem schlechten Zustand. Die Leitung des Lagers sei nicht imstande, das Problem zu beheben. "Ich hoffe sehr, dass wir bald in eine andere Unterkunft umziehen können", sagt Mazn.

Kleve: Wie ein Paar zu Flüchtlingshelfern wurde (von Ludwig Krause)

Als das Handy von Saskia Kratz (31) aus Kleve an jenem Abend im August klingelt, ahnt sie nicht, wie sehr dieser Anruf ihr Leben verändern wird. Am anderen Ende der Leitung: ihr Lebensgefährte Jan Gietmann (24). "Ich habe bei der Arbeit ein Video gesehen, bei dem es um die Notunterkunft in einer Sporthalle in Kleve ging", sagt Gietmann. "Da war mir klar, dass wir etwas tun müssen." Die beiden sprechen Freunde an, gründen zusammen das Netzwerk "Kleve hilft". Saskia Kratz schustert über Nacht eine Internetseite zusammen, gründet eine Facebook-Gruppe. Die Idee: Sachspenden für Flüchtlinge koordiniert zu sammeln, um sie sinnvoll verteilen zu können. Am ersten Tag kommt eine Hand voll Anfragen. Am zweiten Tag sind es mehrere Hundert.

"Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist ungebrochen, das ist wirklich Wahnsinn", sagt Saskia Kratz. Zunächst haben sie die Spenden noch in der eigenen Garage gesammelt und sortiert. "Dann kam der Punkt, an dem wir sagen mussten, dass es nicht mehr geht", sagt Jan Gietmann. Mittlerweile stellt ihnen Unternehmer Jan Groen (57) eine Industriehalle kostenlos zur Verfügung. "Ich brauche die Halle im Moment nicht. Bevor sie leer steht, kann man den Menschen doch viel besser helfen", sagt Groen.

Rund 130 Flüchtlinge erreichen Düsseldorf mit Zügen FOTO: Kai Jürgens

Am Anfang seien sie blutige Anfänger gewesen, wie Saskia Kratz einräumt. "Wir haben so etwas ja noch nie gemacht." Mittlerweile kümmert sich ein Team von zehn Helfern um die Spenden. "Das ist ein richtiger Vollzeitjob geworden", sagt die 31-Jährige. Das Ziel der Gruppe: Jeder in Kleves Notunterkunft, in der insgesamt knapp 150 Flüchtlinge leben, soll zwei Koffer bekommen. In dem einen: Zwei paar Schuhe, drei Kleidungsgarnituren, eine Schlafgarnitur und ein Geschenk der Helfer. Der andere ist leer. Er ist für die Habseligkeiten der Flüchtlinge.

Unsere Live-Reportage #ZufluchtNRW gibt es hier als Protokoll zum Nachlesen. 

Quelle: RP
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