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Köln
Polizei Köln sucht Terrorverdächtigen

Köln. Im Rheinland wird nach einem arabisch aussehenden Mann gefahndet, der in einem Baumarkt in Pulheim große Mengen einer Chemikalie gekauft hat. Mit der Substanz bauen Terroristen weltweit Bomben. Von Christian Schwerdtfeger

Es war gegen 16 Uhr, als der arabisch aussehende Mann mit Halbglatze am vergangenen Freitagnachmittag den Baumarkt in Pulheim bei Köln betrat. 20 Minuten später, so zeigen es Aufnahmen der Überwachungskamera, bezahlte er an der Kasse seine gekauften Waren und verließ den Fachhandel mit einem Einkaufswagen. Einen Mitarbeiter des Baumarktes überkam ein ungutes Gefühl, als er mitbekam, was der Mann gekauft hatte: große Mengen der Chemikalie Ammoniumnitrat, die man zum Bau einer Bombe verwenden kann. Doch der Verkäufer beließ es zunächst bei seinem unguten Gefühl, stellte offenbar keine Fragen und ließ den Mann ziehen, der das Gelände zu Fuß verließ. Erst am Tag darauf meldete sich der Mitarbeiter bei der Polizei und berichtete von dem Mann und dessen verdächtigem Einkauf. Wieso er so lange damit wartete, ist nicht bekannt.

Staatsanwaltschaft und Polizei nahmen den Hinweis nach eigenen Angaben sofort sehr ernst. "Insbesondere mit Blick auf die aktuelle Sicherheitslage und die Verantwortung für die Bürger", sagte eine Polizeisprecherin. Trotzdem ließ sich die Polizei bis gestern 16.43 Uhr Zeit, bis sie Fahndungsfotos, die aus der Überwachungskamera des Baumarktes stammen, von dem Gesuchten veröffentlichte. Man habe erst versucht, alle anderen Ermittlungsansätze auszuschöpfen, hieß es als Erklärung aus dem Kölner Polizeipräsidium. "Als das alles nichts brachte, haben wir eine richterliche Genehmigung zur Veröffentlichung eines Fahndungsbildes beantragt. Das geht leider auch nicht von jetzt auf gleich", so ein Fahnder.

Der Mitarbeiter des Baumarktes sagte der Polizei, dass der Gesuchte ausgesehen habe wie jemand, der aus dem Nahen Osten komme. Er sei 45 bis 50 Jahre alt, zwischen 1,70 und 1,75 groß und schlank. Im polizeilichen Fahndungsaufruf heißt es: "Er sprach gut Deutsch. Er hat eine spitze Nase und hohe Geheimratsecken. Er trägt einen kurzen dunklen Vollbart, im Kinnbereich leicht grau." Polizei und Staatsschutz suchten bis gestern Abend vergeblich nach dem Mann. "Wir benötigen dringend Hinweise von Zeugen, die uns auf die Spur des Mannes bringen können", sagte eine Polizeisprecherin. Die Kölner Polizei wird bei der Suche von Staatsschutz und Experten des Landeskriminalamtes unterstützt. Zudem sollen alle Polizeibehörden des Landes aufgerufen worden sein, besonders wachsam zu sein.

Die Polizei weist aber auch darauf hin, dass sie nicht wisse, wozu die gesuchte Person die Chemikalie benötige und ob von ihr überhaupt eine Gefahr ausgehe. "Es ist nicht gesichert, dass der Kauf der üblicherweise für Reinigungsmaßnahmen bestimmten Chemikalien im Zusammenhang mit einer zweckfremden, kriminell motivierten Verwendung steht", sagte eine Polizeisprecherin.

Ammoniumnitrat dürfte besonders Gartenbesitzern ein Begriff sein. Das Salz, das sich aus Ammoniak und Salpetersäure zusammensetzt, ist häufig im "Blaukorn"-Dünger enthalten. Aber auch Reinigungsfirmen benötigen das Pulver. Die Substanz gilt laut Sprengstoffgesetz als brandfördernd und kann beim Erhitzen explodieren. Weltweit nutzten Terroristen die Chemikalie wegen ihrer Eigenschaften für den Bau von Bomben, weil sie sehr einfach zu beschaffen ist. Der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik verwendete sie zum Beispiel bei seinen verheerenden Anschlägen 2011. Auch der Oklahoma-Bomber (1995) und die Terroristen auf Bali (2002) töteten mithilfe der Substanz viele Menschen.

Wegen der seit den Pariser Anschlägen angespannten Sicherheitslage in Deutschland blicken nun einige mit Sorge auf die anstehenden Karnevalszüge. Erst vorgestern hatte die Polizeibehörde Europol vor neuen Anschlägen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Europa gewarnt. "Es kann auch in Deutschland geschehen, wie es in Frankreich geschehen ist, in Großbritannien, in Spanien", sagte anschließend auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). "Ja, wir müssen auch in Deutschland mit dem Terror leben lernen, aber wir werden uns damit nie abfinden. Das ist Teil einer traurigen Wahrheit."

Die Kölner Polizei stellte gestern jedoch deutlich klar, dass es derzeit keine Überlegungen gebe, den Rosenmontagszug in der Domstadt wegen des zur Fahndung ausgeschriebenen Mannes abzusagen. "Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Mann und Karneval", so eine Polizeisprecherin. Die Sprecherin des Festkomitees Kölner Karneval, Sigrid Krebs, sieht den Rosenmontagszug ebenfalls nicht gefährdet. "Wir haben derzeit keinen Grund, ihn abzusagen", sagte sie.

Schon seit 2008 bereitet sich die Kölner Polizei vorsorglich darauf vor, wie sie bei einem Terroranschlag auf den Rosenmontagszug reagieren müsste. Im schlimmsten Fall würde der Zug "kontrolliert beendet". In diesem Jahr wurde das ohnehin schon strikte Sicherheitskonzept für den Rosenmontagszug wegen der seit Monaten bestehenden abstrakten Terrorgefahr für Großveranstaltungen bereits vor Wochen noch einmal verschärft.

Quelle: RP
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