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Düsseldorf
Schülerin: Ich war Mobbing-Opfer

Düsseldorf. Die 18-jährige Schülerin Sylvia Hamacher wurde von ihren Mitschülern gehänselt, gedemütigt und geschlagen. In einem Buch schildert sie ihre Erfahrungen als Mobbing-Opfer. Die Opposition im Düsseldorfer Landtag fordert jetzt ein Aktionsprogramm gegen Mobbing. Von Gerhard Voogt

Sylvia Hamacher besucht die Jahrgangsstufe 12 eines Gymnasiums im Kreis Recklinghausen. Deutsch und Englisch sind ihre Leistungskurse. Eine ganz normale Schülerin? Nein. Die 18-Jährige hat ein Buch geschrieben: "Tatort Schule". Es ist ein Erfahrungsbericht. Hamacher litt anderthalb Jahre lang gehörig unter ihren Mitschülern. "Ich wurde gehänselt, beleidigt, bedroht, beschimpft, ausgelacht, gedemütigt und gequält", sagt die Gymnasiastin. Erst ein Schulwechsel beendete die Mobbing-Attacken.

Das NRW-Schulministerium hält das Buch für eine "eindrückliche Schilderung", die aufzeige, wie Mobbingprozesse an der Schule ablaufen – unabhängig von Schulformen und regionalen Bedingungen. "Das Problem ist weit verbreitet und wird vielfach unterschätzt", sagt Ralf Witzel, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion. Experten schätzen, dass jeder vierte Schüler während seiner Schullaufbahn zum Mobbingopfer wird. Laut dem Kinderkanal KI.KA werden fünf bis zehn Prozent der Schüler regelmäßig terrorisiert – oft in aller Öffentlichkeit.

Die Mobbing-Geschichte von Sylvia Hamacher beginnt mit der Einladung zu einer Halloween-Party. Das Mädchen, damals 14 Jahre alt, will ihre besten Freundinnen nach Hause einladen. Ihre Eltern legen fest: Nicht mehr als zehn Gäste dürfen kommen. Sylvia trifft eine Auswahl. "Das war der Auslöser", sagt die Schülerin rückblickend. Denn vier Mädchen, die auch in ihre Klasse gehen, sind nicht eingeladen. Eine Klassenkameradin lädt zu einer "Gegenparty" ein. Bislang stand Sylvia stets im Mittelpunkt der Klasse. Das soll sich ändern.

Ein anderes Mädchen will die Rolle Sylvias als Anführerin übernehmen. Sie bringt die Gruppe hinter sich. Sylvia sei selbst schuld, dass sie nicht alle eingeladen habe. Zur "Strafe" wird sie zunächst ignoriert. "Man hat mich wochenlang wie Luft behandelt", berichtet die Schülerin. Sylvia ist verstört. Die anderen Mädchen finden Gefallen an dem Spiel. Nun fängt man an, sie zu beleidigen. Schüler aus anderen Klassen machen mit. "Ich war geschockt, wurde panisch", sagt Sylvia: "Mir wurde kalt, ich schwitzte, Tränen stiegen mir in die Augen."

Die Schülerin hofft auf ein Gespräch mit den Mitschülern und dem Klassenlehrer, das Klärung bringen soll. "Doch danach wurde es noch schlimmer. Der Lehrer ließ zu, dass ich als Missgeburt und als Schlampe beschimpft wurde. Am Ende sah es so aus, als ob ich die Ursache des Problems wäre." Die Schülerin vergräbt sich zu Hause. Sie hat viel Zeit zum Lernen, schreibt gute Noten – und zieht so noch mehr Neid auf sich. Als ein Austausch mit einer Partnerschule in England ansteht, kommt es zum Eklat. "Ein Mädchen aus meiner Stufe hat dort bei der Ankunft das Gerücht verbreitet, ich sei leicht zu haben. Als ich auf dem Schulhof erschien, war bei den Jungs aus England schon großes Gejohle. Ein Typ kam zu mir und forderte mich auf, mit ihm in den Busch zu gehen."

Das England-Erlebnis gehört zu den "schwersten meines Lebens", sagt Sylvia Hamacher heute. Nach der Rückkehr erhält sie beim Sportunterricht von einer Mitschülerin einen Schlag in die Nierengegend. Sylvia muss ins Krankenhaus. Nun wird auch den Eltern klar, dass es so nicht weitergeht. Sylvia Hamacher will den Namen der Schule, an der sie gemobbt wurde, nicht öffentlich nennen. Auf Nachfrage ist die Schulleitung nicht zu einer Stellungnahme bereit. Mit den Tätern hat das Opfer keinen Kontakt mehr.

Die NRW-Landesregierung empfiehlt Mobbing-Opfern, die Schulleitung und Schulpsychologen einzubeziehen. Die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW hat eine Hotline zum Thema Mobbing eingerichtet. Im Zusammenhang mit Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung gingen bei den Polizeipräsidien in NRW 811 Anzeigen ein. Hier dürften die Opfer vermutlich eher Lehrer sein, heißt es im Schulministerium. Ralf Witzel kritisiert, es sei eine "Bagatellisierung" des Problems, wenn nur Anzeigen gezählt würden.

Der Bildungsexperte der FDP fordert Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) auf, eine "neue Lernkultur" in NRW einzuführen. "Angesichts der rückläufigen Schülerzahlen halten viele Schulen Mobbingfälle aus Angst vor negativen Berichten unter der Decke", sagt Witzel. Der Essener fordert das Schulministerium auf, das Thema Mobbing bei der Lehrerausbildung vertiefter zu behandeln. "Wir brauchen ein Aktionsprogramm gegen Mobbing. Disziplinfragen sind für den Erfolg von Unterricht mitentscheidend", so der Liberale. Schulministerin Löhrmann bekräftigte, Mobbing dürfe an den Schulen keinen Platz haben. "Weder Schülerinnen und Schüler noch Lehrerinnen und Lehrer dürfen Angst haben, darüber zu sprechen."

Sylvia Hamacher wurde von ihren Eltern ermutigt, ihre Geschichte aufzuschreiben. "Ich möchte verhindern, dass es anderen genauso geht wie mir", sagt die 18-Jährige. Die geht nach dem Schulwechsel jetzt wieder gerne zum Unterricht.

Quelle: RP
 
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