| 07.03 Uhr

schwarzer Tag

Evan Lamos, freier Mediengestalter in Brüssel, sitzt in der U-Bahn, als der Zug plötzlich stoppt. "Wir haben gerade wegen ,eines Vorfalls auf den Schienen' angehalten", schreibt er bei Twitter. Und: "Von etwas weiter weg kann ich ein leises Dröhnen hören." Dann müssen die Passagiere den Zug verlassen. Der Sender Euronews zeigt, wie Menschen durch einen verrauchten Tunnel zum nächsten Bahnhof gehen.

Dem ORF erzählt ein Augenzeuge von den Zuständen in der Station Maelbeek: "Nach wenigen Sekunden war alles voller Rauch." Ein U-Bahn-Mitarbeiter habe versucht, die Menschen zu evakuieren. In der Lobby eines nahen Hotels sei ein "Notlazarett" eingerichtet worden. "Dort wurden Schwerverletzte hingebracht. Der Raum füllte sich und war so voll, dass auf angrenzende Räume ausgewichen werden musste. In der Lobby saßen auch Verletzte, teilweise mit Kopfwunden, die aber nicht sofort verarztet wurden, weil man sich erst um die Schwerverletzten kümmern musste." Die Opfer werden in 15 Krankenhäusern versorgt. Menschen werden aufgerufen, Blut zu spenden.

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Seit 7.15 Uhr sitzt Herbert Reul (CDU), Mitglied des Europaparlaments aus Leichlingen, in seinem Büro im 14. Stock des Parlamentsgebäudes. "Um kurz nach halb neun bekamen wir die schreckliche Nachricht von den Explosionen am Brüsseler Flughafen mit, wenig später vom Brand in der Metro-Station, die ganz in der Nähe liegt, etwa 700 Meter von uns entfernt", sagt Reul. "Ich bin jetzt zugegeben etwas unruhig." Im Büro hört Reul die Alarmgeräusche von der Straße, das Parlamentsgebäude sei vorübergehend komplett abgeriegelt worden. EU-Parlamentarier hätten nicht herausgekonnt, später habe sich das wieder etwas entspannt, man habe das Gebäude verlassen können. "Wir spüren hier alle eine starke Anspannung", sagt Reul. Der Eingang des Gebäudes habe schon vor Wochen einen neuen Sicherheitsbereich erhalten. "Gerade hatte sich die Terrorangst in Brüssel gelegt, alles war wieder im Normalmodus, jetzt ist sie wieder da."

Die EU-Parlamentarier bemühen sich, normal weiterzuarbeiten. "Unsere Angehörigen sind natürlich aufgeregt. Aber wir machen hier weiter", sagt Elmar Brok (CDU), der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses. Auch Sven Giegold, EU-Abgeordneter von den Grünen, schildert: "Hier herrscht eine fassungslos gespenstische Atmosphäre im Gebäude. Wir haben uns entschlossen, die Arbeit fortzusetzen. Denn das wollen die Terroristen ja: Dass wir hier in Europa aufhören, unser normales Leben zu führen. Den Gefallen werden wir ihnen nicht tun."

Auch ihm ist der Terror nahegekommen: "Ein Mitarbeiter von mir hatte großes Glück. Er war nur zwei, drei Minuten vor dem Anschlag in der Metro-Station. Er hat die ganzen Splitter gesehen, das ganze Elend."

In Brüssel ist an diesem Tag auch die stellvertretende AfD-Vorsitzende Beatrix von Storch unterwegs. Die Nachricht, die sie über Facebook schickt, empört viele Leser nicht nur wegen des betont lockeren Einstiegs, sondern auch wegen des Schlusssatzes: "Viele Grüße aus Brüssel. Wir haben soeben das Parlament verlassen. Hubschrauber kreisen. Militär rückt an. Sirenen überall. Offenbar viele Tote am Flughafen und am Zentralbahnhof. Hat aber alles nix mit nix zu tun." Später präzisiert von Storch, sie sei in Sicherheit und habe deswegen die "Grüße" geschickt.

Eine schnelle Reaktion aus Übersee schickt auch Donald Trump. "Ich würde unsere Grenzen zumachen", sagt der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber dem Sender Fox News.

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Eine Frau humpelt nach Hause, Andrea heißt sie. Sie ist Übersetzerin bei den EU-Institutionen und ist den ganzen Weg von der Arbeit zurückgelaufen, obwohl sie schon länger einen verstauchten Knöchel hat. Sie steigt immer in Maelbeek aus, nur beginnt ihr Werktag schon um acht Uhr, was an diesem Tag ein echtes Glück war. Den ganzen Tag haben sie im Büro versucht abzugleichen, wer von den noch Fehlenden frei hat, sich bereits von einem sicheren Ort gemeldet hat - oder tatsächlich vermisst wird. Die Suche ist schwierig, weil das Brüsseler Mobilfunknetz immer wieder zusammenbricht. Vize-Premier Alexander De Croo ruft über Twitter dazu auf, Nachrichten möglichst über soziale Netzwerke und Apps auszutauschen, um eine Überlastung des Telefonnetzes zu vermeiden.

Die Anschläge haben Brüssel weitgehend lahmgelegt. Das Mobilfunknetz ist trotz der Appelle der belgischen Regierung zusammengebrochen, weite Teile der Innenstadt sind abgesperrt. U-Bahn und Busse haben den Betrieb eingestellt, sämtliche Bahnhöfe wurden auf Anweisung der Polizei geschlossen.

Das Auswärtige Amt in Berlin appelliert via Twitter: "Bitten Reisende, sich in Brüssel nur mit erhöhter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit zu bewegen." Alle Mitarbeiter der EU-Institutionen erhalten eine E-Mail. "Liebe Kollegen", heißt es darin, "die Sicherheitslage bleibt kritisch. Die europäischen Institutionen haben die Alarmstufe auf Orange heraufgesetzt." Als "Vorsichtsmaßnahme" sollten alle Bediensteten in ihren Gebäuden bleiben.

Die belgischen Kinder dürfen über Mittag ihre Schulen nicht verlassen - das twittert der Krisenstab des Innenministeriums. Trotzdem holen viele Eltern ihre Kinder vorzeitig von der Schule ab. An der Deutschen Schule im Vorort Wezembeek ist am Ende des Unterrichtstages nur noch etwa ein Viertel der Schüler in der Klasse.

Audi streicht die Nachmittagsschicht in seinem Werk in Brüssel. Grund sei die Empfehlung der belgischen Behörden an die Bürger, zu Hause zu bleiben. In der Fabrik mit rund 2500 Beschäftigten sei zudem der Werksschutz erhöht worden, teilt das Unternehmen mit.

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Gegen Mittag machen Meldungen die Runde, das Kernkraftwerk Tihange bei Lüttich werde evakuiert. Der Meiler gilt ohnehin als marode und störanfällig. Eine Evakuierung wird aber vom Betreiber Electrabel dementiert: Vielmehr sei ein Teil des Personals in den Meilern Tihange und Doel nach Hause geschickt worden. "Nur wer wirklich da sein muss, bleibt", sagt ein Sprecher der Atomaufsicht. Die Personalstärke entspreche der an Wochenenden.

Auch auf dem Campus der Freien Universität im Südosten Brüssels ist die Lage angespannt. Jeder solle sofort ein Gebäude aufsuchen und dort bleiben, heißt es auf dem Twitterkanal der Universität. Später ist auf dem Gelände ein Knall zu hören - eine kontrollierte Explosion, die ein Spezialkommando herbeigeführt hat. Die Hochschule wird für den Rest der Woche geschlossen. Auch eine Explosion in einer weiteren Metrostation geht offenbar auf ein Polizeikommando zurück, das dort nach weiteren Bomben sucht.

An Soldaten in der Stadt, die im Laufe des Tages in zusätzlichen Scharen die öffentlichen Gebäude bewachen, sind die Brüsseler gewöhnt. Militär gehört seit dem Anschlag auf das Jüdische Museum 2014 zum Stadtbild. Erneut massiv verstärkt wurde die Präsenz, als die Verbindung der Paris-Attentäter nach Molenbeek ans Licht kam und die Suche nach Salah Abdeslam im November quasi in einer Vollsperrung der Stadt mündete. Nun herrscht wieder höchste Terrorwarnstufe.

Stundenlang ist nicht klar, ob der Horror nun vorbei ist: "Wir befürchten, dass Personen noch auf freiem Fuß sind", sagt der belgische Außenminister Didier Reynders am frühen Nachmittag. Erst um kurz vor fünf twittert das Krisenzentrum: "Die Menschen können ihr Zuhause, ihre Schule oder ihren Betrieb verlassen." Am späten Nachmittag öffnen auch die meisten Bahnhöfe wieder. Bewacht werden sie von Hunderten Soldaten.

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Eigentlich wollten die Polizisten am Brüsseler Flughafen ab heute streiken - aus Protest gegen die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nun glauben sie, dass sich ihre Kritik auf schreckliche Weise bewahrheitet hat. Man hätte das Schlimmste verhindern können, sagt Vincent Gilles, Chef der Polizeigewerkschaft SLFP Police: "Aber man hat uns ausgelacht." Schon im November habe man das Innenministerium darauf aufmerksam gemacht, dass am Flughafen nicht einmal die Mindestanzahl von Beamten erreicht werde. Pierre Goossens, ein anderer Polizeigewerkschafter, berichtet von eklatanten Sicherheitslücken im Flughafen. So seien viele abgelaufene Zugangsausweise in Umlauf. Und im Zaun rund um das Flughafengelände gebe es Löcher. "Manchmal befinden sich Leute auf den Rollfeldern, die ohne Kontrolle da reingekommen sind", sagt Goossens. Sollte es doch einmal Kontrollen geben, seien die Mitarbeiter auf dem Flughafen offenbar vorgewarnt. "Dann wird alles schnell in Ordnung gebracht, und die Kollegen warnen sich gegenseitig, bevor die Kontrolleure auftauchen."

Der Brüsseler Flughafen soll auch heute geschlossen bleiben. Der Schaden am Gebäude sei zu groß, sagt Direktor Arnaud Feist. Rund 600 Flüge wurden annulliert, 60.000 Reisende sind davon betroffen - unter anderem Alexandre Dammous und seine Eltern. Wann sie ihren Flug in die USA nachholen können, ist noch nicht klar. "Zumindest meine Airline hatte mich schon auf denselben Flug morgen umgebucht", erzählt er, selbst etwas erstaunt: "Zur selben Uhrzeit." Das hat sogar Dammous, den erfahrenen Flieger, zusammenzucken lassen.

Die Autoren Matthias Beermann, Henning Bulka, Philipp Jacobs, Ludwig Krause, Birgit Marschall, Emily Senf, Frank Vollmer, Christopher Ziedler, mit Material der Nachrichtenagenturen

Quelle: RP
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