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Schwimmbäder
Seepferdchen auf dem Trockenen

Düsseldorf/Essen. Immer weniger Kinder in Nordrhein-Westfalen können noch richtig schwimmen. Eine Entwicklung, die seit Jahren nicht gestoppt werden konnte. Es fehlt vielerorts an Schwimmbädern, in denen Unterricht stattfinden kann. Von Christian Schwerdtfeger und Jessica Kuschnik

Obwohl Georg Schwiderski sich an den Anblick gewöhnt hat, schüttelt der Essener Bäderchef jedes Mal noch mit dem Kopf, wenn er die vielen Kinder auf der Tribüne sitzen sieht, die eigentlich im Wasser schwimmen sollten. "Leider ist dieser Zustand zur Normalität geworden", sagt Schwiderski. "Die Schulklassen, die zu uns zum Schwimmunterricht kommen, haben meistens immer viele Kinder dabei, die kaum oder überhaupt nicht mehr schwimmen können", berichtet er.

Seit Jahren wächst in NRW die Zahl der Kinder, die nicht gelernt haben zu schwimmen. Wissenschaftlich eindeutige Zahlen über die Schwimmfähigkeit am Ende der Grundschulzeit gibt es nicht. Einer Studie der Universität Bielefeld zufolge können 25 bis 30 Prozent aller Kinder nach der Grundschule gar nicht oder nicht richtig schwimmen. Bundesweit sind es laut der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) sogar bis zu 45 Prozent. Nur ein Viertel aller Kinder habe noch das Frühschwimmer-Abzeichen "Seepferdchen" gemacht, bei dem man vom Beckenrand ins Wasser springen und 25 Meter schwimmen muss. "Das ist aber nicht viel mehr als ein Nachweis, dass man nicht sofort untergeht", sagt ein DLRG-Sprecher.

Eine Entwicklung, die Experten seit Jahren mit Sorge beobachten. Doch gegengesteuert wurde bislang nicht wirklich. Darum gab es gestern im Sportausschuss über die Schwimmfähigkeit von Grundschülern eine Sachverständigenanhörung mit dem Titel: "Sicheres Schwimmen kann Leben retten. Doch wie ist es darum bestellt?"

Der Lehrplan in NRW sieht vor, dass Grundschüler ein Jahr lang mindestens eine Stunde pro Woche Schwimmunterricht haben müssen. Viele Schulen seien mit dem Unterricht überfordert, sagt Sebastian Krebs, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Jeden Sommer reden wir darüber, wenn die ersten Kinder ertrunken sind, aber nichts bessert sich." Es mangelt an Lehrern, die die sogenannte Fortbildung zur Rettungsfähigkeit absolviert haben. So gebe es weder genug Fortbildungskurse noch Geld, um diese zu bezahlen, sagt Krebs. "Ich weiß von einer Schule, da gibt es nur eine einzige Schwimmlehrerin für alle, und die geht bald in den Ruhestand." Schwimmen müsse daher dringend in der universitären Ausbildung zum Pflichtprogramm gehören und mit einer Lehrbefähigung abgeschlossen werden, fordert der Deutsche Sportlehrerverband. Zudem sollte die Rettungsfähigkeit nachgewiesen werden.

Ein weiterer Grund für die alarmierenden Nichtschwimmer-Zahlen bei Kindern sind fehlende Schwimmbäder. Laut DLRG sind in Deutschland in den vergangenen Jahren bis zu 400 Bäder geschlossen worden, weil die Städte sparen müssen - Hunderte weitere sollen in den nächsten Jahren dicht gemacht werden. Die Folge: Die Schulen haben große Probleme, noch Schwimmzeiten in Lehrbecken für ihre Schüler zu bekommen. Daher gibt es schon jetzt Schulen - besonders in ländlichen Gegenden -, in denen bereits kein Schwimmunterricht mehr erteilt wird. Bäder seien keine Pflichtleistungen der Städte und Kommunen und fallen deshalb oft mit als Erstes dem Rotstift zum Opfer, heißt es vom Städte- und Gemeindebund.

Sollte diese Entwicklung nicht gestoppt werden, droht Deutschland zu einem Land von Nichtschwimmern zu werden, befürchten Experten. Denn nicht nur Kinder, sondern auch Flüchtlinge können kaum oder gar nicht schwimmen. Die DLRG warnt deshalb davor, dass es im Sommer vermehrt zu Badeunfällen mit Zuwanderern kommen könnte. Diese könnten die Gefahr, die von Seen und Flüssen ausgeht, oft nicht richtig einschätzen, sagt DLRG-Sprecher Michael Grohe. "Viele haben nie gelernt, wie man schwimmt." Im vergangenen Jahr hat die DLRG erstmals Flüchtlinge als Gruppe in ihre Statistik mit aufgenommen. Das Ergebnis: Von 488 ertrunkenen Menschen waren 27 Asylsuchende. "Das ist eine traurige Entwicklung", so Grohe.

Quelle: RP
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