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Dinslaken
Auf den Spuren der Lohberger Frauen

Dinslaken: Auf den Spuren der Lohberger Frauen
Erinnerungen an zwei Frauen, die aus dem Lager Theresienstadt zurückgekehrt sind. Ingo Borgardts spielt dazu auf der Klarinette das jüdische Partisanenlied.
Dinslaken. Stadtführerin Anja Sommer nahm ihre Gäste unter dem Titel "Von Flintenweibern, rasenden Hebammen und Betschwestern" mit auf einen Rundgang durch Lohberg. Die szenischen Anteile der Führung erfreuten dabei die Teilnehmer besonders. Von Florian Langhoff

Dinslaken Gut 20 Menschen haben sich vor dem Parkwerk im Bergpark Lohberg versammelt. Allerdings ist es nicht Stadtteilführerin Anja Sommer, die das Wort ergreift, sondern Künstlerin Britta L.QL. Denn auf ein ihrer Ideen geht das Thema der Stadtführung "Von Flintenweibern, rasenden Hebammen und Betschwestern" zurück. "Ich wurde dazu eingeladen, für die Extraschicht etwas zu machen", erzählt die Künstlerin. Bergmänner fanden sich überall. "Da habe ich mich gefragt: Was war denn mit den Frauen?" Ihre Antwort setzte sie in ihren "Madonnen über Tage um" und setzte sich dann mit Anja Sommer zusammen, um für das Kunstprojekt "Transformationen Lohberg 2015" eine thematisch passende Führung zu entwickeln.

Die startet dann auch direkt mit der Einführung von Anja Sommer zur Zeche Lohberg, auf deren ehemaligem Gelände die Führungsteilnehmer stehen. Das Bergwerk wurde 1906 gebaut und, wie die Stadtführerin weiß: "Es gab auch Frauen auf der Zeche." Allerdings nicht unter Tage, denn das war gesetzlich verboten. Als Putzfrauen, Köchinnen oder Sekretärinnen fanden aber auch sie ihren eigenen Platz im Bergwerksbetrieb.

Eine Sanitätsschwester erzählt von der Arbeit im Lazarett an der Hünxer Straße. Die Teilnehmer hören aufmerksam zu. FOTO: Martin Büttner

Von diesem geht es für die Gäste auf die andere Seite der Hünxer Straße. Hier befand sich früher ein Lebensmittelladen. Hier arbeiteten auch Frauen aus dem Stadtteil, für Löhne zwischen 15 und 35 Reichsmark. "Das Einkommen war also nicht üppig. Es reichte nicht, um einen eigenen Haushalt zu finanzieren, sondern war eher ein Zubrot", erklärt Anja Sommer. Auch deswegen heirateten viele Frauen relativ schnell und gaben schließlich ihren Beruf auf.

Am Ledigenheim weist die Stadtführerin die Besucher auf die Spuren des Märzaufstandes von 1920 in Lohberg hin. Einschusslöcher und Spuren von Schrapnell-Einschlägen des Kampfes zwischen den Arbeitern im Stadtteil auf der einen und der Reichswehr auf der anderen Seite sind hier noch deutlich zu erkennen. Einige der Führungsbesucher erschrecken, als ihnen eine Stimme ins Ohr schreit. "Hier wird geschossen! Kommen Sie rein!" Eine der Sanitätsschwestern auf Seiten der Arbeiter (gespielt von Manuela Held) führt die Gäste ins Innere des Gebäudes. Dieses wurde während der Arbeiteraufstände als Kampfzentrale und Lazarett genutzt. Und dort versorgten die Sanitätsschwestern, die von der Presse als "Flintenweiber" bezeichnet wurden, die Verwundeten.

Aus dem Ledigenheim heraus geht es weiter durch die Straßen. Dort rennt ein werdender Vater (Thomas Hecker) mit einem Kinderwagen herum und sucht die Hebamme (Bettina Hecker, beide Mitglieder der Gruppe "Restkultur"). Ein Katz-und-Maus-Spiel, das die Führungsteilnehmer weiter begleitet. Und Anlass für Anja Sommer, etwas über die Hebammen in Lohberg zu erzählen. "Die waren nicht nur Geburtshelferinnen, sondern hatten auch immer ein offenes Ohr für Probleme und hielten auch die Augen offen", erklärt die Stadtführerin. Auch deshalb waren Hebamme Anna Nick und ihre Nachfolgerinnen im Stadtteil sehr gut angesehen.

Weiter geht es durch einen Hinterhof, der eher wie ein kleiner Park aussieht. "Hier war früher alles voller Gärten. Die Familien waren sehr groß und deshalb musste man sich auch selbst versorgen", erklärt Anja Sommer. Garten und Haushalt waren zu dieser Zeit die Arbeitswelt der Frauen.

Eine traurige Szene gibt es für die Teilnehmer der Tour auch zu sehen. Vor dem Melanchthon-Haus stehen zwei ganz in schwarz gekleidete Frauen und blicken starr nach vorn. Im Hintergrund spielt Musiker Ingo Borgardts leise das jüdische Partisanenlied. "Wir sind zurück aus Theresienstadt", sagt eine der Frauen, die noch über Jahrzehnte im Stadtteil lebten. Ihre Namen nennt Anja Sommer nicht, als sie das erzählt, berichtet nur, dass die Frauen am gleichen Tag im Abstand von nur wenigen Stunden starben.

Fröhlicher wird dann der Abschluss auf dem Johannesplatz, bei dem alle beteiligten Darsteller noch einmal auf die Teilnehmer der Führung treffen. Noch einmal taucht "Vater" Thomas Hecker auf - zur allgemeinen Erheiterung mit einer Kinderpuppe im Arm. Und von den Führungsteilnehmern gibt es Applaus für das Stadtführungsteam.

Quelle: RP
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