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Dinslaken
Auf seine Weise sucht jeder Mensch Asyl

Dinslaken: Auf seine Weise sucht jeder Mensch Asyl
Preisträgerin Liv Heløe im Kreis von (von links) Rolf Wagner (Vorstand Niederrh. Sparkasse Rhein-Lippe), Bürgermeister Michael Heidinger, Burghofbühnenintendant Mirko Schombert, Friedrich-Wilhelm Häfemeier (Vorstandsvorsitzender Sparkasse) und Landrat Dr. Ansgar Müller (Trägerverein Burghofbühne) FOTO: Hermann
Dinslaken. Das Stück "meet me" der Norwegerin Liv Heløe hat den Kathrin-Türks-Preis 2016 erhalten. Am Mittwoch nahm die Autorin die Auszeichnung entgegen. Deutschsprachige Premiere ist im Sommer 2017.

Liv Heløe erhielt am Mittwochabend bei der Niederrheinischen Sparkasse Rhein-Lippe in Dinslaken den Kathrin-Türks-Preis 2016 für ihr Jugendtheaterstück "meet me", aber es war Burghofbühnenintendant Mirko Schombert, der gar nicht mehr aufhören konnte, danke zu sagen. Der kleine Festakt wurde auch zum Bekenntnis zu seinem Theater: Die Turbulenzen um die Kürzungen von Seiten des Kreises vor einem halben Jahr wirkten in den Reden des stellvertretenden Vorsitzenden des Trägervereins der Bühne, Dr. Ansgar Müller, des Dinslakener Bürgermeisters Dr. Michael Heidinger und des Sparkassen-Vorstands Friedrich-Wilhelm Häfemeier noch nach. Mirko Schombert jedenfalls wird das Preisträgerstück inszenieren, und da scheint er ein großes Los gezogen zu haben.

Die ersten Kostproben, die die Schauspieler Christoph Bahr, Lara Christine Schmidt und Benedikt Thönes gaben, weckten mit ihrer lakonischen und doch minuziösen Art, Räume und Situationen durch Worte anschaulich zu machen, das Interesse, sie bauten unmittelbar den Kontakt zwischen Protagonisten und Publikum auf. Es war genau dieses Kriterium, das Nicola Bongard in ihrer Laudatio als siegentscheidend angab. Eine Rede, die Dramaturgin Nadja Blank für die verhinderte Jurorin verlas und die Christoph Bahr für die norwegische Preisträgerin ins Englische übersetzte: Der Kathrin-Türks-Preis als eine der höchstdotierten Auszeichnungen im deutschsprachigen Jugendtheater ist international geworden.

"meet me" hat also gewonnen, und was man am Mittwoch über das Stück erfuhr, scheint die Euphorie Schomberts zu bestätigen. Dabei habe sich die Jury die Entscheidung nicht leicht gemacht, hieß es in der Laudatio. In der fast grundsätzlich auf soziale Themen und Botschaften ausgerichteten Sparte Jugendtheater im Jahre 2016 mit einem Stück über Flüchtlinge anzukommen, erschien der Jury zunächst zu einfach, zu offensichtlich. Aber, so wurde es in der Laudatio betont, es sei letztendlich eine künstlerische Entscheidung gewesen, die eben nicht politisch zu verstehen sei.

Wenn Liv Heløe selbst über die Entstehungsgeschichte von "meet me" spricht, wird allerdings klar, dass das eine das andere bedingt. Das Stück ist zweisprachig: Die inneren Monologe des jungen Asylbewerbers Shaya und die Dialoge mit seinem Freund in der Flüchtlingsunterkunft Feda sind vom Norwegischen ins Deutsche übersetzt, mit seiner norwegischen Freundin kann er nur auf Englisch kommunizieren.

Liv Heløe schrieb das Stück 2012 als Auftragsarbeit für ein Theater in Bergen. Die neue Intendantin dort wollte etwas zum Thema minderjährige Flüchtlinge machen, die Autorin begann ihr Handwerk: Ausformung der Hauptperson, Umgebung, Reibungspunkte. Doch als Heløe an dem Punkt anlangte, an dem ein Autor seinen Protagonisten stupst und die Handlung ins Rollen bringt, holte die Wirklichkeit das Drama ein und stellte es auf den Kopf: Ein Protagonist hat ein Ziel vor Augen, auf das die gesamte weitere Handlung ausgerichtet ist. Aber ein Asylbewerber ist zur Untätigkeit verdammt. Er darf nicht arbeiten, nicht aktiv sein. Er muss warten, wie andere, wie Behörden über ihn entscheiden in einer Umgebung, die vom Fremdsein geprägt ist. Liv Heløe beschreibt diesen leeren Schwebezustand mitten auf dem Weg, im Leben anzukommen, derart menschlich, dass, wie es in der Laudatio hieß, das Stück nicht "über Flüchtlinge", sondern "mit Flüchtlingen" ist: Jeder Mensch sucht auf seine Weise "Asyl", einen Ort, der ihn aufnimmt

"Es geht darum, jung zu sein", sagt die Autorin. So sei "meet me", dessen deutsche Erstaufführung durch die Burghofbühne für Juni 2017 ansteht, bei seiner Uraufführung in Bergen von afghanischen wie norwegischen Jugendlichen gleichermaßen gut aufgenommen worden. Aufgenommen zu werden hat in diesen Zusammenhang für die neue Kathrin-Türks-Preisträgerin noch eine Bedeutung: "Es ist wirklich wichtig für Norwegen, in Europa Kontakte zu knüpfen. Und wo immer ich an ein Theater komme, habe ich dort das Gefühl, nach Hause zu kommen." Das galt auch sofort für die Burghofbühne, "ein schönes Haus, das alles hat".

Im Herbst wird Liv Heløe in einem eigenen Stück selbst als Schauspielerin auf der Bühne stehen. Im nächsten Sommer hofft sie, bei der Premiere von "meet me" im Tenterhof ihre neuen Kontakte zu vertiefen.

(bes)
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