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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Augustus - von der inneren Einsamkeit

Dinslaken. Als der Schriftsteller und College-Professor John Williams 1994 starb, war sein einziger literarischer Erfolg - der historische Roman "Augustus", der 1973 mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde - schon wieder vergessen. Als 2006 dann in den USA sein College-Roman "Stoner", 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung, wieder aufgelegt wurde, wurde er zur Überraschung des Verlages ein Welterfolg. Und auch sein ungewöhnlicher Western-Roman "Butcher's Crossing", der vor einem Jahr auch den RP-Lesern vorgestellt wurde, fand bei Kritik und Lesepublikum weltweit ein begeistertes Echo.

In dem jetzt zum ersten Mal auf Deutsch vorliegenden historischen Roman "Augustus" erzählt Williams die Lebensgeschichte des römischen Kaisers Augustus auf verblüffende Weise neu. Williams erfindet seine Quellen - Briefe, Memoiren, Tagebuchfragmente, Senatsbeschlüsse, Notizen - und ordnet sie chronologisch zu einem Mosaik unterschiedlichster Perspektiven und Wertungen an. Und er schafft es dabei zugleich, jedem seiner "Gewährsleute", von Marc Anton über Cicero und Marcus Agrippa bis hin zu Horaz und Ovid, ein individuelles Profil zu geben.

Der Roman setzt ein in den letzten Lebenstagen Cäsars, der ausgerechnet seinen erst 19-jährigen und gesundheitlich schwächelnden Großneffen Caius Octavius zum Erben und Nachfolger bestimmt hat - sehr zur Überraschung auch Marc Antons, der den Ehrgeiz und die herausragenden Fähigkeiten des jungen Mannes zunächst völlig verkennt. Der spannend zu lesende Roman schildert dann nicht nur den Aufstieg zur Macht und die Versöhnung einer seit einem Jahrhundert gespaltenen Gesellschaft mit sich selbst. Er schildert auch den Preis der Macht: die innere Einsamkeit und das Verschwinden des Ichs hinter dem staatstragenden Rollenspiel. Die besondere Leistung dieses virtuos erzählten Romans liegt aber darin, dass es Williams gelingt, historische Authentizität mit der Darstellung lebendiger, modern wirkender Menschen überzeugend zu verbinden und seine Figuren in Konfliktkonstellationen zu stellen, die überraschend aktuell sind. Ein großer Erzähler ist zu entdecken!

DR. RONALD SCHNEIDER

Williams, John: Augustus. Roman, dtv: 2016.

Quelle: RP
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