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Dinslaken/Njombe
Beinahe schon ein Familienmitglied

Dinslaken/Njombe: Beinahe schon ein Familienmitglied
Johanna Stein mit ihrer Gastschwester Glady. FOTO: JS
Dinslaken/Njombe. Johanna Stein (19) kommt aus Dinslaken und absolviert zurzeit einen einjährigen Freiwilligendienst in Tansania. Von Johanna Stein

Im Gegensatz zu anderen Freiwilligen in Tansania, die oftmals in Wohngemeinschaften wohnen, lebe ich in einer Gastfamilie. Diese setzt sich aus meinen Gasteltern und meiner kleinen Gastschwester Glady zusammen. Meine Gastmutter ist Beamtin, mein Gastvater Landwirt. Er hat eine Farm etwas außerhalb von Njombe. Glady ist drei Jahre alt und geht zur Vorschule in der Nähe unseres Hauses. Wir wohnen in einem recht großen Haus mit einem kleinen Garten, wo Gemüse angebaut wird. Im Hinterhof halten wir einen Hund namens Bobby, der das Grundstück bewachen soll.

Es wird jeden morgen Wasser auf dem Holzkohle-Ofen oder auf einer Gasherdplatte zum Duschen und für den Tee zum Frühstück warm gemacht. Leider beherrsche ich selbst das Feuermachen noch nicht ganz und greife deshalb meist auf den Gasherd zurück. Da die Gaskartuschen hier aber recht teuer sind, wird er nur gelegentlich zum Kochen verwendet. Gekocht wird jeden Abend gemeinsam in der Küche, was durchaus auch mehrere Stunden oder den ganzen Abend in Anspruch nehmen kann.

Dabei wird dann meist viel gelacht und vom Tag erzählt. Die Zutaten werden vorher frisch auf dem Markt gekauft, den ich wirklich toll finde. Es reiht sich Stand an Stand, und er erinnert ein bisschen an ein Labyrinth aus lauter bunten aufgestapelten Gemüsepyramiden. Natürlich verwenden wir auch viele Lebensmittel aus eigenem Anbau, weshalb es sehr oft Kartoffel-Gerichte und frische Avocados gibt. Generell sind eigentlich alle Lebensmittel hier regional und vor allem auch Bioprodukte. Ganz selten sieht man mal Äpfel, die aus Südafrika importiert sind. Auch das Fleisch kommt entweder aus den örtlichen Metzgereien, oder die Familien schlachten selbst. Also sind Dinge wie Massentierhaltung eher weniger ein Thema. Dennoch gibt es in den meisten Familien nicht sehr oft Fleisch-Gerichte, da es doch relativ teuer ist.

Abgesehen vom Feuermachen, musste ich hier auch das Wäschewaschen mit der Hand lernen, was bei meiner Gastfamilie sehr zur Belustigung geführt hat. Gewaschen wird meist am Wochenende, gemeinsam mit meiner Gastmutter im Hinterhof. Das kostet oft relativ viel Zeit und vor allem Kraft. So langsam habe ich aber den Bogen raus und brauche nicht mehr ganz so lange.

Da wir keinen Wasseranschluss haben, wird das Wasser aus einem Brunnen in der Nähe unseres Hauses geholt und in großen Vorratstonnen gespeichert. Wir haben aber eine sehr gute Stromversorgung und das Handynetz ist besser ausgebaut als in Deutschland.

Mit der Verständigung auf Kiswahili klappt es immer besser und ich kann schon richtige kleine Unterhaltungen führen. Ich habe sehr schnell bemerkt, dass die Sprache hier ein sehr wichtiger Schlüssel zum Einleben in die Kultur ist. Viele Dinge versteht man einfach besser, wenn die Kommunikationsprobleme kleiner werden, auch wenn meine beiden Gasteltern eigentlich recht gutes Englisch sprechen. Außerdem vereinfacht sich das Leben in allen Hinsichten mit jedem Wort Kiswahili mehr, das ich lerne.

Ich werde nun auch viel mehr als Familienmitglied akzeptiert und weniger wie ein Gast behandelt. Gastfreundschaft wird hier nämlich sehr geschätzt und deshalb ist es für manche Freiwilligen schwieriger im Haushalt mit anzufassen. Ich konnte mich aber schon erfolgreich integrieren.

Anlässlich meines Geburtstages habe ich gemeinsam mit meiner Gastmutter einen Kuchen gebacken und eine kleine Feier organisiert. Wir haben unglaublich viel von verschiedenstem Essen gekocht und ich habe ein paar Freunde und Arbeitskollegen einladen dürfen. Dies ist durchaus nicht üblich, da in vielen Familien der Geburtstag gar nicht so einen hohen Stellenwert hat und deshalb auch nicht wirklich gefeiert wird. Umso mehr habe ich mich dann natürlich über die Mühe meiner Gastfamilie gefreut.

Aber auch andere Familienfeste und -veranstaltungen, wie zum Beispiel eine tansanische Beerdigung durfte ich schon miterleben.

Es sind unglaublich wertvolle Erfahrungen, die ich hier machen darf. Ein so intensiver Kulturaustausch ist nur gewährleistet, wenn man auch in einer tansanischen Gastfamilie lebt. Immer wieder fällt mir auf, dass viele Dinge sehr ähnlich zu meinem Leben in Deutschland sind und im nächsten Moment auch wieder sehr anders.

Zusätzlich zu all den Dingen, die ich hier erlebe, habe ich aber auch rund um die Uhr sehr liebe Menschen um mich herum, die mir jeder Zeit bei Seite stehen und mir helfen, wenn ich Hilfe benötige.

(Tansania)
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