| 00.00 Uhr

Dinslaken
"Benefiz": Böse, weil es wahr ist

Dinslaken: "Benefiz": Böse, weil es wahr ist
Lara Christine Schmidt und Benedikt Thönes in Ingried Lausunds Stück "Benefiz - jeder rettet einen Afrikaner". FOTO: BHB/MB
Dinslaken. Die Burghofbühne zeigte Ingrid Lausunds Stück "Benefiz - jeder rettet einen Afrikaner".

Es ist ein Glücksfall, wenn eine Komödie mit beißenden Pointen menschliche Schwächen entlarvt und gleichzeitig die Frage nach Menschlichkeit stellt und sogar Antworten gibt, wenn Satire jeden trifft und doch nur da verletzt, wo sie vielleicht doch an dem einen oder anderen Gewissen gerüttelt hat. Wenn Theater Theater zeigt und der wahre Hintergrund nicht nur allgemeingültig, sondern sogar ein Projekt ist. Ingrid Lausund gelang mit ihrer Komödie "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" 2008 dieser Drahtseilakt. Am Freitag wurde nun auch das Publikum der Burghofbühne im Provisorium Tribünenhaus Teil einer Spendengala der besonderen Art.

Die Bühnenprobe, die das Stück in Realzeit zeigt, ist so besonders, eben weil sie so typisch ist. Die bis zur Hibbeligkeit überengagierte Eva (Lara Christine Schmidt), die professionelle Diva Christine (Christiane Wilke), der sich aus christlicher Überzeugung berufen fühlende Eckhard (Christoph Bahr), der geschäftsmäßig handelnde Rainer (Mirko Schombert) und Leo, der nur mitmacht, weil es Spaß macht (Benedikt Thönes), wollen eine Spendengala zugunsten eines Schulprojekts in Afrika auf die Beine stellen. Eine solche Show muss allerdings akribisch geprobt werden, soll sie das Publikum zu geöffneten Herzen und noch mehr zu geöffneten Portemonnaies rühren.

Also wird geprobt und das "Benefiz"-Publikum wird Zeuge der Diskussionen um Inhalte, Profilierungssüchte, Schwächen und Befindlichkeiten. Das fängt mit dem Verhältnis zu denen, denen man helfen möchte, selbst an: Der Blick der Helfer auf die Schulkinder des "Kontinents, der nur 14 Kilometer von Europa entfernt liegt", ist verstellt von political correctness, Klischees und einem ungewollten Rassismus.

So wird die afro-deutsche Freundin des Quintetts ausgeschlossen, weil ihre Hautfarbe ja als Teil der Show interpretiert werden könnte. Die Diskussion, ob sich die Freundin an Scherzen über ihre Herkunft beteiligen darf, mündet in Evas These: "Sie reagiert auto-aggressiv rassistisch." Ins Stammeln gerät Rainer, wenn er in seiner Rede Schlagwörter aneinanderreiht und Loriot-reife Sätze wie "Guinea-Bissau liegt in Westafrika und hält damit einen traurigen Rekord" sagt.

"Benefiz" ist böse, weil es wahr ist. Ob Personen in gehobenen Positionen bei derartigen Veranstaltungen nach dem Motto "Tu Gutes und rede drüber" in ungelenken Sätzen ihre innere Distanz zum Thema entlarven oder Promis in TV-Spendengalas Engagement und Emotionen in Hochglanz präsentieren: Jeder hat die Rainers und Christines dieser Welt schon in Aktion erlebt (Christiane Wilke spielte ihre Rolle fernsehreif). Und wohl jeder konnte sich auch ein Stück in den anderen Charakteren wiederfinden, die sich im Durcheinander von guten Absichten und Unzulänglichkeit verhedderten. Und dann wurde es ernst: Welchen Wert hat der Mensch? Sind alle gleich oder scheitert diese Idee nicht schon an Präferenzen gegenüber Freunden, Menschen, die wir kennen oder die uns durch ihre Lebensbedingungen fremd sind?

Die Show auf der Bühne endete mit Spendenaufrufen, die vom Dinslakener Publikum mit echtem spontanem Applaus beantwortet wurden.

Die Botschaft: Natürlich kann man etwas bewegen. Und man braucht nicht 100 Prozent zu geben, 51 Prozent reichen. Langer Applaus.

(bes)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Dinslaken: "Benefiz": Böse, weil es wahr ist


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.