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Voerde
Bier mit Honig und Kürbis - alles ganz rein

Voerde: Bier mit Honig und Kürbis - alles ganz rein
Arne Hendschke (links) und Torsten Mömken vom Brauprojekt 777. FOTO: Heiko Kempken
Voerde. Heute wird das Deutsche Reinheitsgebot 500 Jahre alt. Zeit für Veränderungen, denkt man beim Brauprojekt 777.

Auf den Tag genau vor 500 Jahren wurde die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet. - Bei all dem Zirkus könnte man das tatsächlich glauben. Denn an den Theken vieler Kneipen und in so mancher Chefetage der großen Braukonzerne scheint die blanke Angst davor zu herrschen, dass das Land in Chaos versinkt, wenn man nicht mehr stur auf eine Entscheidung vom 23. April 1516 verweisen kann. Damals wurde in Bayern eine Landesordnung erlassen, die auch die Brauer betraf: Gerste, Hopfen, Wasser - Schluss. Nichts anderes darf ins Bier. An die Hefe hatten die Herren nicht gedacht, und später erlaubten sie dann sogar die Zugabe von Koriander, Lorbeer und mehr. Drei Jahrhunderte gingen ins Land, bis man sich wieder auf das zunächst recht kurzlebige Gebot besann, und so besteht es heute wieder, ohne aber die Qualität der Rohstoffe zu regeln oder den Zusatz von Polyvinylpolypyrrolidon zu verbieten.

"PVPP", macht es Torsten Mömken kurz. "Große Brauereien setzen das dem Bier zu, um es zu stabilisieren." Später filtern sie es mit dem gebundenen Eiweiß ab, so bleibt das Bier länger klar, und das ist auch erlaubt. "Aber es hat nichts mehr damit zu tun, was die sich vor 500 Jahren gedacht haben", erzählt Mömken. Mit drei Freunden hat er eine Werkstatthalle in Voerde zu einer Mikrobrauerei umgebaut. Hier entsteht Craft-Beer, handgemachtes Bier in kleinen Mengen. Pils, Indian Pale Ale, Red Ale, Single Hop hat das Brauprojekt 777 ständig im Angebot, und alles ganz rein. Doch in den Kesseln reifen oft auch saisonale Sorten. Birne, Honig, Kürbis oder Erdbeere werden während des traditionellen Brauprozesses zugefügt, nicht erst als Konzentrat hinterhergeschüttet. Der Honig kommt aus der Nachbarschaft, das Obst aus der Region. Den Brauern in Voerde geht es dabei nur um Nuancen von Aromen, so schlägt die Birne zum Beispiel nicht durch, aber ihre Fruchtsäure bringt eine zusätzliche Komponente mit. Wenn sie Zimt zugeben, betont Mömkens Mitstreiter Arne Hendschke, "dann schmeckt das nicht nach Weihnachten".

Die Stammkunden haben längst verstanden, dass nur hochwertige Zutaten in die Kessel des Brauprojekts 777 wandern. Man kommt mit der Produktion kaum hinterher, Andrang herrscht bei jedem einzelnen der monatlichen Werksverkäufe. Dennoch stößt das Reinheitsgebot den Brauern bitter auf. "Beim Erdbeer- oder Kürbis-Ale habe ich zum größten Teil die Zutaten, die ich auch für ein Bier verwende. Es kommt nur eine Zutat hinzu", erzählt Mömken, und die sei sorgsam ausgewählt. "Dieses Reinheitsgebot wird aber in Deutschland mit Qualität gleichgesetzt", ergänzt Hendschke. "Wenn wir Honig vom Imker aus der Nachbarschaft verwenden, da brauchen wir doch gar nicht über die Qualität des Rohstoffs diskutieren." Dass sie gerne all ihre Brauprodukte offiziell als Bier bezeichnen würden, ist den Voerdern eine Herzensangelegenheit. "Wir sind ja eine Brauerei!"

Und als Freunde des Bieres würde man auch die positiven Effekte des Reinheitsgebots anerkennen. "Die Vorteile liegen auf der Hand: Wenn auf einer Flasche das Reinheitsgebot erwähnt wird, muss der Kunde nicht mehr die Liste der Inhaltsstoffe lesen. Er weiß, was drin ist. Das ist heute in der Lebensmittelindustrie außergewöhnlich", sagt Arne Hendschke.

Inzwischen müsse man aber auch schauen, inwieweit das Gebot ein Marketinginstrument sei und von großen Konzernen benutzt werde, um Konkurrenz vom Markt fernzuhalten. Eine Abschaffung des Reinheitsgebots wünschen sich die Brauer in Voerde gar nicht, sondern eine Modernisierung. "Wir wollen eine Erweiterung bei den Rohstoffen, aber auch einen strengeren Blick auf deren Qualität", so Hendschke. "Das Reinheitsgebot wird längst von den großen Brauereien ausgereizt. Es gibt auch einfach miese Biere in Deutschland, die nach dem Reinheitsgebot gebraut werden."

(za)
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