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Dinslaken/Wesel
Damit Jugendliche die Kurve kriegen

Dinslaken/Wesel. Polizei und Caritas stoppen gemeinsam kriminelle Karrieren.

Frank Hedderich bekennt, dass er am Anfang schon mal schlucken musste. Früher hat der Kriminalhauptkommissar selber Jugendsachen bearbeitet und dabei vor allem "saubere Akten" für die Ermittlungsverfahren aufgebaut. Stattdessen dann eine tiergestützte Therapie für den Jugendlichen, der nach mehreren Delikten schon weit auf der schiefen Bahn abgerutscht ist? Aber es funktionierte, der Einstieg in die kriminelle Karriere konnte gestoppt werden. Längst ist Hedderich überzeugt. Manchmal stellt sich im Projekt "Kurve kriegen" bei den Fallbesprechungen mit Michael Tekolf und Julia Nehring von der Caritas Dinslaken-Wesel schon die Frage, wer hier die soziale Arbeit vertritt.

Nach fünf Jahren sind der Polizist und die Sozialpädagogen ein Team geworden und liefern, so Caritasdirektor Michael van Meerbeck ein Beispiel dafür, wie hervorragend die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Ordnungsbehörde funktionieren kann. Acht- bis 15-Jährige nimmt das Team in den Blick, die Frank Hedderich bei der Kreispolizeibehörde Wesel aus dem Anzeigensystem "fischt". Mindestens eine Gewalttat hat der Jugendliche begangen - "und damit ist keine Schulhofrangelei gemeint". Alternativ reichen auch drei Eigentumsdelikte - und dabei besonders Einbrüche - für einen näheren Blick. Weitere 16 Kriterien dienen als Indiz für die Gefahr, in eine kriminelle Karriere abzurutschen: planlose Freizeitgestaltung, Schulmüdigkeit, belastetes Wohnumfeld. . .

Ebenso umfangreich sind die Möglichkeiten von Michael Tekolf und Julia Nehring, diese Ursachen anzugehen. Vielleicht kann das Anti-Agressivitäts-Training helfen, das Tekolf seit Jahren in der Jugendhilfe des Caritasverbandes selbst anbietet. Möglicherweise ist eine Begleitung auf dem Schulweg notwendig oder die Mutter muss gestärkt werden, um Grenzen zu setzen. Insgesamt 28 Angebote listet Hedderich auf, die in den fünf Projektjahren eingesetzt worden sind. Darunter sind konfrontative soziale Gruppenarbeit oder eine Kombination aus "kriminalpräventiver Einzelbetreuung" mit therapeutischer Erziehungshilfe und Nachhilfe.

Julia Nehring schätzt es, "dass wir hier die Zeit haben, individuell jeden Fall anzuschauen und selbst aktiv werden können". Dann sucht sie zum Beispiel nach einem Fußball- oder Handballverein für den Jugendlichen. In einem anderen Fall ging es darum, den gewalttätigen Bruder eines Mädchens, das schon mehrere Gewalt- und Eigentumsdelikte begangen hatte, zum Auszug zu bewegen, um die "untragbare" Wohn- und Familiensituation in den Griff zu bekommen. Da braucht es immer wieder einen langen Atem. Erst einmal klingelt Frank Hedderich bei der Familie für ein Beratungsgespräch, das auch schon mal die Züge einer "Gefährderansprache" annehmen kann. Sein Vorteil: Er muss sich nicht um die Strafe kümmern. Dafür sind die Kollegen und das Gericht zuständig. Aber die drohenden Konsequenzen zeigt er deutlich auf und erlebt dann immer wieder, "dass die Familien nur darauf warten, dass ihnen Hilfe angeboten wird. "Von 31 jugendlichen Tätern, die das Programm komplett durchlaufen haben, sind danach 19 über mindestens ein Jahr nicht mehr in Verdacht geraten", betont Hedderich.

Der Aufwand dafür erscheint hoch, aber Studien zeigen, dass es sich sehr gut rechnet, wenn man alle Folgekosten einer kriminellen Karriere einbezieht und ein gelingendes Leben dagegen stellt. Das Projekt wird deshalb fortgeführt und die ursprünglich acht Standorte in Nordrhein-Westfalen werden um weitere elf ergänzt. Vor allem liegen die in den Ballungsräumen der Rhein-Ruhr-Schiene.

Die Illusion, im ländlichen Kreis Wesel sei die Welt noch in Ordnung, widerlegt Frank Hedderich allerdings mit Zahlen. Gerade weil der Kreis im Vergleich eine hohe "MTVBZ", also eine "Mehrfachtatverdächtigenbelastungszahl" im Jugendbereich aufwies, war er gleich von Anfang bei "Kurve kriegen" dabei und Hedderich selbst bei den Vorüberlegungen im Ministerium. Mittlerweile ist die MTVBZ deutlich von 312 auf 219 gesunken.

Grundsätzlich "gibt es auffälliges Verhalten nicht seltener auf dem Land", stellt der Kommissar fest. Allerdings haben Hedderich und die Caritas-Mitarbeiter es hier eher mit 12- bis 14-Jährigen zutun. In den großen Städten beginnt die kriminelle Karriere schon früher. Solange die Kinder auf dem Lande vor Ort in die Grundschule gehen, sei die soziale Kontrolle enger. Zudem werde nicht alles angezeigt, sondern andere Lösungen gefunden. "Der Bruch kommt mit dem Übergang in die weiterführende Schule in der nächsten größeren Stadt", beobachtet Hedderich, der schon vor seiner Projektmitarbeit Sachbearbeiter für Jugendsachen der Polizei im Kreis war.

Mit Polizei und Sozialpädagogik sind ursprünglich zwei Welten aufeinander gestoßen. Sie haben sich gefunden und entdeckt, dass gemeinsam mehr zu bewirken ist. Es sind schon dicke Bretter zu bohren. Was damit anfängt, dass Frank Hedderich in den fünf Jahren von gut 1000 Jugendlichen Anzeigen gesichtet und deren Lebensumstände genauer betrachtet hat, um diejenigen mit dem größten Gefährdungspotenzial herauszufiltern.

Umso schöner, wenn dann nach Monaten oder Jahren Erfolge sichtbar werden. "Wir haben uns über die Rückmeldung einer Mutter gefreut, dass sie heute einen ganz anderen Sohn hat", sagt Michael Tekolf. Frank Hedderich hat erlebt, dass der größte Skeptiker in den Gruppensitzungen von "Kurve kriegen" am Schluss derjenige war, der sich weiterhin treffen wollte. Allerdings schützt die Mitarbeit in "Kurve kriegen" nicht vor Strafe. Das Verfahren läuft weiter, "es gibt keinen Bonus", sagt Hedderich. Aber das glaubhafte Bemühen um Besserung könne den Richter milder stimmen und das Strafmaß geringer ausfallen lassen, hat Michael Tekolf erfahren.

(cpm)
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