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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Das Geld als Wurzel aller Übel

Dinslaken. Der neue Roman des viel gelesenen und mit vielen Literatur-Preisen ausgezeichneten Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, trägt den etwas altertümlich-verschraubt wirkenden Titel "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst". Und das ist natürlich kein Zufall, denn der knapp 600 Seiten starke Roman reflektiert zwar kritisch die Folgen der Wende für die Deutschen in Ost und West, folgt dabei in Form und Sprache aber den Schelmenromanen des 17. und 18. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt des ungewöhnlichen Romans steht Peter Holtz, ein moderner "Hans im Glück", der sich mit traumwandlerischer Sicherheit in zwei grundverschiedenen Gesellschaftsordnungen bewegt und immer auf die Füße fällt, obwohl er seine Grundüberzeugungen nie preisgibt. Wir lernen ihn als Jungendlichen in den 1970er Jahren in der DDR kennen, die für Peter als gläubigem Sozialisten die beste aller Welten ist. Als 1989 die Mauer dann fällt, erwartet er in seiner Naivität Heerscharen von Westflüchtlingen, die im Osten Arbeit und Obdach suchen.

Den Westen erfährt er in den Jahren danach als ausbeuterischen Kapitalismus, der zwar einzelne reich macht, dafür aber alle unglücklich, weil von ihrem besseren Selbst entfremdet.

Nach der Wende wurde Peter Holtz durch glückliche Umstände zum Immobilien-Besitzer und DM-Millionär. Obwohl er nur Gutes mit seinem Geld tun will, muss er am Ende erkennen, dass sich auch alles Gut-Gemeinte im Kapitalismus ins Negative verkehrt und dass "Privatbesitz immer nur das Schlechte im Menschen befördert". Am spektakulären Schluss des Romans verbrennt Peter Holtz öffentlich jede Menge echtes Geld - als provozierende Kunstaktion und Selbstbefreiung vom kapitalistischen Joch.

Anders als seine großen Vorbilder, der "Candide" Voltaires und der "Simplicissimus" Grimmelshausens, ist "Peter Holtz" kein Desillusionierungs-Roman und keine satirische Anklage einer entmenschlichten Welt, sondern ein humoristischer Roman, dessen Held zwar in viele missliche - und komische! - Situationen gerät, die ihn aber alle nur in seinem Glauben bestätigen, dass das Geld die Wurzel allen Übels ist und der Sozialismus die einzig richtige Antwort auf diese menschliche Grunderfahrung. Der auf Anhieb für den Deutschen Buchpreis nominierte moderne Schelmen-Roman ist trotz und vielleicht sogar wegen seiner Provokationen für den "West-Leser" durchgängig unterhaltsam, anregend und mit erheblichem Gewinn zu lesen.

RONALD SCHNEIDER

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst. Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main: 2017.

Quelle: RP
 
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