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Dinslaken
Das Scala - Geschichte einer Rettung

Dinslaken: Das Scala - Geschichte einer Rettung
Karin Nienhaus vor dem Rolltor, das sie immer öffnet, wenn es im Scala wieder eine Veranstaltung gibt. Zwei waren es am Anfang monatlich, mittlerweile nicht selten 30. FOTO: Sebastian Peters
Dinslaken. Vor fünf Jahren eröffnete in Wesel ein Kulturspielhaus im ehemaligen Kino direkt am Bahnhof. Unermüdlich kämpft Karin Nienhaus für kulturelles Leben in der Stadt. Sie gerät immer wieder an Grenzen - und macht doch weiter. Von Sebastian Peters

Wenn alles gut wäre, dann könnte dies die Geschichte einer Rettung sein. Die Geschichte ginge dann so: Altes Weseler Kino, akut vom Verfall bedroht, wird zur Kultureinrichtung, die Menschen kommen in Scharen, die Kasse quillt über. In dieser Geschichte wäre Karin Nienhaus (40), gebürtige Weselerin mit Zwischenstation ganz im Süden der Republik, die strahlende Heldin. Ganz so geht aber leider die Geschichte nicht - und gerade deshalb muss das erzählt werden. Was sich in den vergangenen fünf Jahren im alten Weseler Kino Scala, heute ein Kulturspielhaus, ereignet hat, ist im Grunde die Geschichte einer permanenten Rettung. Die Hauptprotagonistin Karin Nienhaus ist zwar wirklich eine strahlende Heldin, weil sie oft lächelt und offenbar mit einem ganz besonders sonnigen Gemüt ausgestattet wurde. Vielleicht ist aber auch dies die Wahrheit: Karin Nienhaus ist mit 40 einfach noch zu jung für Sorgenfalten.

Der Reihe nach: Vor fünf Jahren war es. Karin Nienhaus wurde schwanger, lebte damals mit ihrem Freund Mathias Henschel in München. Sie betrieb in der bayrischen Landeshauptstadt eine Eventagentur. München sei schön gewesen, aber so richtig heimisch sei sie nicht geworden. Karin Nienhaus mochte das Behäbige an München nicht, die Tatsache, dass die Menschen viel herumsitzen auf großen Plätzen und anderen Menschen beim Sitzen zuschauen. "In München habe ich den Stillstand kennengelernt", sagt Nienhaus. Aus ihrem Mund klingt das nicht eben wie ein Kompliment. Überall Latte-Macchiato-Mütter - so wollte Nienhaus nicht werden. Mit ihrem Partner überlegte sie, nach Köln oder Hamburg zu ziehen. Am Ende wurde es das kleine Städtchen dazwischen, aus dem beide ursprünglich stammen. Mathias Henschel kommt aus Bislich, Karin Nienhaus aus der Stadt. Zuerst gründete sie hinter dem Bahnhof ihr kleines Café "Laden ohne Namen", ganz einfach, weil sie Bekannte wiedersehen wollte, nicht nur per Zufall, sondern organisiert. Als Karin Nienhaus dann kurze Zeit später ein Schild mit der Aufschrift "Zu vermieten" vor dem Scala sah, da hatte sie die Vision eines Kulturspielhauses für die Stadt. An der Stelle, wo sie einst ihren ersten Kinofilm als junges Mädchen gesehen hatte ("Fury"), wollte sie die Kulturszene der Stadt beleben. Manchmal, so sagt Karin Nienhaus, wirke es auf sie, als sei dieses halbe Jahrzehnt nur so vorbeigerauscht.

Das Scala hat, anders als andere Kulturstätten in der Region, kein festes Konzept, es ist nicht nur eine Adresse für die junge hippe Zielgruppe. Das ginge in Wesel auch gar nicht, sagt Nienhaus. Denn viele junge Menschen würden nach der Schule in andere Städte ziehen, kämen erst später wieder an den Niederrhein, wenn sie das kleinstädtische und ländliche Leben wieder zu schätzen wissen. Also muss Nienhaus ihr Programm nach denen ausrichten, die sie in der Stadt erreichen kann. Im Kulturspielhaus gibt es neben gängigen Veranstaltungen wie Poetry-Slam ("ein Selbstläufer, der ist immer voll") oder Konzerten ("ich will die kleinen unbekannten Künstler spielen lassen, die von hier aus den nächsten Schritt machen") auch klassische Musik oder anarchische Lesekonzepte.

Da ist etwa die Reihe "Lesen für Bier", von der Karin Nienhaus schwärmt. Autoren lesen fremde Texte vor, die aus einem Hut gezogen werden. Das kann hohe Literatur sein, aber auch mal die Bedienungsanleitung für eine Heizdecke. Am Ende gewinnt entweder der, der den guten Text eingereicht hat, oder der Vorleser.

Es sind solche Abende, die Karin Nienhaus für ihre Leidenschaft belohnen. Denn, das verschweigt die junge Mutter als Selfmade-Veranstalterin nicht: "Ein großer Teil ist harte Arbeit." Angefangen hat es mit zwei Veranstaltungen im Monat. "Mittlerweile sind wir nicht selten bei 30 Terminen im Monat." Das bereichert das kulturelle Leben in Wesel, hier findet Jugendkultur einen Platz. Aber Nienhaus sagt, sie persönlich werde davon nicht reich. Im Gegenteil: "Wenn ich meinen Freund nicht hätte, der mich so viel unterstützt, wenn es unsere Eltern nicht gäbe, die so viel mitziehen, dann würde der Laden nicht laufen." Da ist schließlich noch eine kleine Tochter, die Zuwendung einfordert. Immer wieder muss Nienhaus in ihre Veranstaltungshalle investieren. Tausende Euro seien schon reingeflossen, schätzt Nienhaus. Und es sagt einiges über ihr sonniges Gemüt, dass sie diese Zahlen nicht genauer nachgehalten hat. Skeptiker aus anderen Kulturinstituten und Vereinen werfen ihr vor, in fremdem Terrain zu fischen, wenn sie jetzt auch klassische Konzerte organisiert. Nienhaus und ihr Publikum mischen die Weseler Szene auf.

Wer das Scala betritt, der ahnt noch, dass hier mal ein Kino war. Die Grandezza dieses Hauses, in der viele Klassiker der Kinogeschichte liefen, ist noch nicht verschwunden. Da ist die weiße Leinwand aus einer Zeit, in der man am tiefen Niederrhein nicht mal ahnte, wie man Multiplex buchstabiert. Auf einer größeren Leinwand dahinter waren am vergangenen Wochenende die Filme des ersten deutsch-niederländischen Filmfestivals zu sehen sein. Das Weseler Pendant zu Cannes - statt einer Palme gibt es hier aber hier die silberne Kopfweide als Preis. Auf die Veranstaltung ist Karin Nienhaus sehr stolz. Sie hofft, dass dieses Festival das Bewusstsein der Weseler für diese Veranstaltungshalle hat wachsen lassen. Sie hofft, dass damit ihr Baby Scala weiter wächst.

Die Weseler können dabei helfen: Schon jetzt gibt es zahlreiche Unterstützer. Man kann Mitglied des Fördervereins werden oder gleich eine Sitzpatenschaft übernehmen. 250 Euro kostet die im Jahr. Auf einem Stuhl wird dann der Name des Sitzpaten eingetragen. Einmal im Jahr werden alle Sitzpaten zu einer ausgewählten Veranstaltung eingeladen, inklusive aller Getränke. Auch einige Weseler Politiker haben schon eine solche Patenschaft, sagt Nienhaus.

Die Chefin des Scala ist ständig auf Werbetour für ihr Haus. Und noch mehr Möglichkeiten ergeben sich, seitdem es neben dem großen Scala auch den "Kleinen Salon" gibt, ein mit ollen Möbeln ausgestattetes Wohnzimmer, in dem gut und gerne 50 Leute Platz finden. Hier finden mittlerweile eine Vielzahl der Scala-Veranstaltungen statt. Auch klassische Konzerte sind hier schon gespielt worden. Karin Nienhaus ist nämlich auch eine Königin der Improvisation. Warum sie das alles macht? Nienhaus zögert nicht lange: "Weil ich meine Heimatstadt sehr mag." Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie in weiteren fünf Jahren mit dem Projekt Rettung befasst sein wird. Aber auch an den Status einer permanenten Rettung kann man sich gewöhnen. Nienhaus sagt, sie werde weitermachen. "Weil ich an dieses Haus hier glaube."

Quelle: RP
 
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