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Neu In Der Stadtbibliothek
Das Schweigen der Überlebenden

Dinslaken. Der schon mit vielen Literatur-Preisen bedachte Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel beschäftigt sich in seinen Romanen immer wieder mit den seelischen Folgewirkungen der NS-Zeit und der Kriegserlebnisse auf das soziale und mentale Klima der frühen Nachkriegszeit. Mancher RP-Leser wird sich vielleicht noch an die gelungene Verfilmung seines Erfolgsromans "Der verlorene Bruder" erinnern, die 2015 im ZDF zu sehen war. Sein neues Buch, "Tagesanbruch", ist eine Erzählung von knapp 90 Seiten, in der er erneut an sein großes Thema anknüpft, es aber von einer ganz unerwarteten Seite her beleuchtet.

Eine Mutter hat ihren krebskranken Sohn bis in den Tod begleitet und erzählt nun dem Toten alles, was sie ihm lebenslang verschwiegen hat. Sie gesteht ihm, dass sie ihn nie vorbehaltlos lieben konnte, weil er vielleicht gar nicht der Sohn ihres Mannes, sondern ein "Russenkind" war. Sie erzählt von ihrer brutalen Vergewaltigung auf der Flucht durch drei russische Soldaten, deren Zeuge ihr Mann sein musste, und davon, dass sie und ihr Mann seitdem "miteinander verschweißt und füreinander verloren" waren.

Sie erzählt ihrem Sohn dann von der Verdrängung des Gewesenen in den harten Nachkriegsjahren, vom zähen Aufstiegswillen und der eisernen Arbeitsdisziplin ihres Mannes. Beide arbeiteten Tag und Nacht, auch um zu vergessen - und hatten für Gefühle keine Zeit. Die Kindheit des Sohnes stand so im Schatten des Schweigens und der Gefühlskälte der Eltern - ein Schweigen, das die Mutter erst nach dem Tod ihres Sohnes endlich brechen kann.

"Tagesanbruch" erzählt aber nicht nur von der Schwere einer Kindheit im Nachkriegs-Deutschland, sondern vom Schweigen und der "Vereisung" einer ganzen Generation. Die von der Kritik mit viel Lob bedachte Erzählung ist aber auch eine Liebeserklärung an die Literatur: an die heilsame und befreiende Wirkung des Erzählens. Eine fesselnde und anrührende Lektüre!

DR. RONALD SCHNEIDER

Treichel, Hans-Ulrich: Tagesanbruch. Erzählung; Suhrkamp Verlag: 2016.

Quelle: RP
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