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Neu In Der Stadtbibliothek
Das Spiel mit dem Unwahrscheinlichen

Dinslaken. Günter Kunert, 1929 in Berlin geboren und 1979 aus der damaligen DDR nach Westdeutschland übergesiedelt, gehört als Lyriker wie als Romancier zur ersten Garde der Gegenwartsliteratur. Kunert ist aber auch ein Meister der erzählerischen Kurzform, in der er virtuos mit den Leser-Erwartungen spielt und die Alltagslogik außer Kraft setzt.

In seinem neuen Band mit über 30 Erzählungen aus fünf Lebensjahrzehnten, "Vertrackte Affären", präsentiert Kunert eine Art Überraschungsprosa, die dem Leser auf unterhaltsame Weise den Boden unter den Füßen wegzieht. Die überwiegend kurzen Erzählungen beginnen scheinbar harmlos mitten im bürgerlichen Lebensalltag und führen den Leser dann unversehens in fantastische Zwischenwelten, in denen Logik und Kausalität außer Kraft gesetzt sind.

Da erweisen sich die Erinnerungen eines modernen Odysseus an eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu einer sinnlichen Schönheit namens "Circe" bei einer späten Wiederbegegnung als purer Selbstbetrug. Da lässt sich der Besucher eines H.G.-Wells-Museums dazu verlocken, in das Modell einer Zeitmaschine einzusteigen - mit verblüffenden Folgen und fatalen Aussichten in die Zukunftsgeschichte der Menschheit.

Oder ein West-Berliner begegnet im Ostteil der Stadt der Liebe seines Lebens, die sich dann allerdings als Wassernixe und letztlich als bloße Chimäre erweist. Kunert überrascht den Leser mit immer neuen unwahrscheinlichen Wendungen und flicht in diese durchweg hoch unterhaltsamen Geschichten stets auch eine zeitkritische Botschaft mit ein. Vor allem aber raubt er dem Leser die Illusion, dass sein Selbstbild objektiv oder zumindest realistisch ist und künftigen Herausforderungen gewachsen.

Die vergnüglichen Geschichten mit doppeltem Boden eignen sich für alle Leser, die bereit sind, sich gründlich irritieren zu lassen - also für alle, die gerne lesen.

DR. RONALD SCHNEIDER

Kunert, Günter: Vertrackte Affären. Geschichten, Carl Hanser Verlag: 2016

Quelle: RP
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