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Auschwitz-Tagebuch
Den Opfern ihr Gesicht wiedergeben

Dinslaken. Der Projektkurs "Gegen das Vergessen" des Gymnasiums Voerde hält sich gegenwärtig in Polen auf. Die Oberstufenschüler berichten von dort für die Rheinische Post über ihre Eindrücke. Von Ingalisa Dudda und Clara Stockhorst

AUSCHWITZ(VOERDE Es ist kalt. Über Auschwitz II liegt dichter Nebel und die Dächer der unzähligen Baracken sind von Morgenfrost bedeckt. Wir haben minus vier Grad und frieren trotz warmer Winterkleidung; können uns kaum vorstellen, wie die abgemagerten und leicht bekleideten Inhaftierten damals bei durchschnittlich minus 25 Grad auch nur einen Tag überleben konnten. Wir alle spüren, dass dieses ein Ort mit einer besonderen und bedrückenden Geschichte ist, die wir zu verstehen versuchen.

Birkenau liegt drei Kilometer vom Stammlager Auschwitz I entfernt. Nach einer Inspektion durch Heinrich Himmler am 1. März 1941 wurde mit der Errichtung des Lagers begonnen. Viele Inhaftierte des Stammlagers waren in sogenannten Arbeitskommandos für den Bau der Baracken zuständig. Der Schock über die primitiven Verhältnisse, in denen die Häftlinge lebten, steht uns allen ins Gesicht geschrieben. Sogar in den Kinderbaracken ist der Boden unbefestigt und man kann sich gut vorstellen, dass dieser im Winter häufig einem Schlammfeld glich, insbesondere, da Birkenau auf einem ehemaligen Sumpfgebiet errichtet wurde. Auch die Tatsache, dass Menschen wie Tiere auf dem Boden der von Ratten befallenen Baracken oder harten Holzpritschen schlafen mussten und kleine Babys stundenlang allein auf Nachttöpfen saßen, geht uns nah. Verglichen mit dem Stammlager sind die Baracken in Birkenau noch sehr originalgetreu erhalten, weshalb wir uns leichter in die Inhaftierten der damaligen Zeit hineinversetzen können als im Stammlager.

Wir setzen unseren Weg in der Todesbaracke der Frauen fort, hören von schreienden Menschen, die den Tod erwarten und versuchen, unsere Gefühle in Worte zu fassen, das Unvorstellbare zu verstehen. Besonders die Motivationen der SS-Aufseher erscheinen uns nach wie vor unmenschlich. Ebenso absurd finden wir die Schilderung unserer Führerin, es habe bis September 1943 im gesamten Lager kein Wasser gegeben, weshalb die Insassen sich im Regen oder in Pfützen wuschen. Somit konnten bereits gebaute Waschräume nicht genutzt werden. Auch gab es für circa 12.000 Inhaftierte nur 540 Löcher in Steinen, die Toiletten sein sollten, welche die Häftlinge jedoch nur zweimal am Tag aufsuchen durften.

Während die Verzweiflung der Menschen unvorstellbar groß erscheint, lebten in jeder Baracke so genannte Blockälteste, die meistens deutsche Kriminelle waren und ein eigenes, beheiztes Zimmer hatten. Sie konnten vollkommene Willkür über die Häftlinge ihrer Baracken ausüben, und ihr Leben erscheint im Gegensatz zu dem der Häftlinge regelrecht luxuriös. Alle physischen Schikanen waren im Endeffekt dazu da, den Inhaftierten ihren Lebenswillen zu nehmen. Eine Überlebende des Holocausts beschreibt ihre Erlebnisse: "Nach meinem ersten Arbeitstag wollte ich nicht mehr leben. Nur die Sterne waren wie von gestern. Sie waren mein einziger Trost". Am Ende unseres vierstündigen Ausflugs sahen wir uns die Krematorien und die nebenliegenden Seen an, in welchen die Asche vieler Opfer geschüttet wurde. Dieser Ort verdeutlicht erneut, wie wertlos die Leben der Menschen dort von den Nazis behandelt wurden. Wir wissen um all diese grausamen Dinge, die den Opfern von Auschwitz sowohl physisch als auch psychisch widerfahren sind und doch geht die Grausamkeit der Täter über unsere Vorstellungskraft hinaus. Alles, was uns bleibt, ist den Opfern ihr Gesicht wiederzugeben.

Quelle: RP
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