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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Der Blick aus dem Fenster: Wie Kunst die Wirklichkeit magisch verändern kann

Dinslaken. Hartmut Lange, 1937 in Berlin-Spandau geboren und noch in Berlin lebend, wird als kultivierter Erzähler und Spezialist für literarisch anspruchsvolle Fantastik von der Kritik sehr geschätzt, konnte aber mit seinen Erzählungen und Novellen noch nie ein breiteres Lesepublikum erreichen.

Das ist umso unverständlicher, als kaum ein Autor das Einsickern des Unheimlichen in die vertraute Alltagsrealität so virtuos und suggestiv gestaltet und dabei noch so spannend erzählt wie Lange. Auch die acht Geschichten seines neuen Buches "Der Blick aus dem Fenster" variieren Langes Grundmotiv der allgegenwärtigen Präsenz des Irrationalen in der bürgerlichen Lebenswelt und des plötzlichen Offenbar-Werdens einer anderen Dimension der Realität. In der titelgebenden Erzählung wird ein Berliner Ministerialrat magisch angezogen von einem impressionistischen Gemälde, einer Pariser Straßenszene, die dem Ausblick aus seiner eigenen Wohnung auf das heutige Berlin aufs Haar zu gleichen scheint. Und wenn er lange genug hinausblickt, hört er Pferdegetrappel und Kutschengeräusche und entdeckt die ihn faszinierende Frau aus dem Bild unten auf dem Platz.

Wie Kunst die Wirklichkeit magisch verändern kann, wird einer Sängerin, die Mahlers düstere Orchesterlieder vortragen soll, plötzlich zur bedrängenden negativen Erfahrung - und sie bricht die Vorstellung ab. Dem Leser begegnet aber auch eine barocke Statue, die plötzlich zum Leben erwacht, oder eine der faszinierenden Frauen der Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts, Rahel von Varnhagen, taucht plötzlich in verstörender Lebendigkeit am Potsdamer Platz auf. All das ist so subtil gemacht, dass die erzählten Ereignisse für den Leser bis (fast) zuletzt plausibel wirken - was zu einer nachhaltigen Irritation seiner Wahrnehmungsgewohnheiten führt und führen soll. Eine empfehlenswerte Lektüre.

DR. RONALD SCHNEIDER

Lange, Hartmut: Der Blick aus dem Fenster; Diogenes Verlag: 2015.

Quelle: RP
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