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Dinslaken
Der Denunziant mit der Kamera

Dinslaken. Unbekannte Fotos aus Dinslaken: Der Buchhalter Hans Georg Käbel fotografierte 1935 in der Dinslakener Innenstadt Bürger, die bei Juden einkauften und hängte die Bilder öffentlich aus. Anne Prior hat über die "Stürmerkasten-Aktion" einen Aufsatz veröffentlicht. Von Ralf Schreiner

Wer die Wahrheit sucht, braucht einen langen Atem. Seit Jahren recherchiert die Dinslakener Buchhändlerin und Autorin Anne Prior in Archiven nach Dokumenten, Zahlen und Fakten, Fotos und Erlebnisberichten, um Licht in ein besonders dunkles Kapitel Dinslakener Stadthistorie zu bringen. Zielstrebig geht sie dabei vor, beharrlich und mit großer Geduld. Ihre Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus sind das Ergebnis oftmals jahrelanger, akribischer Recherchen.

Über eine Reihe unbekannter Fotografien hat Anne Prior jetzt eine ebenso spannende wie ungewöhnliche Geschichte aufgedeckt. Sie liefert einen weiteren Beweis dafür, wie einfallsreich Nazis waren, wenn es darum ging, Juden zu stigmatisieren, zu denunzieren und öffentlich anzuprangern. Es ist die Geschichte des Dinslakener Buchhalters Hans Georg Käbel und seiner "Stürmerkasten-Aktion". Erschienen ist Priors Aufsatz in dem von Nicole Kramer und Armin Nolzen herausgegebenen Band über Ungleichheiten im "Dritten Reich" unter der Rubrik "Fundstücke". Titel: "Warum kauften diese Volksgenossen beim Zigarrenjuden Wolf?"

Der Sommer 1935 markiert eine entscheidende Zäsur in der NS-Judenpolitik. Das bekamen auch die in Dinslaken lebenden Juden zu spüren. So wurden etwa auf der Schlageterstraße, der heutigen Neustraße, Flugblätter verteilt, auf denen die Namen von vier Metzgern standen, die ihr Vieh bei Juden kauften. Eine besonders perfide Art der Denunziation fand Hans Georg Käbel. 1930 war er in die Hitlerjugend eingetreten, 1932 in die NSDAP, 1933 wurde er wegen "unbekannten Aufenthalts" wieder aus der Partei ausgeschlossen. 1934 zog Käbel von Essen nach Dinslaken und arbeitete dort als Buchhalter bei der hiesigen Kreisverwaltung der Deutschen Arbeitsfront (DAF). 1935 bemühte er sich um eine Wiederaufnahme in die Partei. Der Gauleitung erklärte er, seine "Abmeldung" sei der Tatsache geschuldet, dass er mit "anderen SA-Kameraden der reisenden Truppe des Circus Sarrasani" beigetreten sei.

Pech für ihn: Sein Vater – der Kaufmann Siegfried Liebermann – war Jude. Damit galt Käbel als "Mischling ersten Grades". Eine Wiederaufnahme in die Partei, so die Mitteilung aus der Kanzlei des Führers, kam aufgrund des "starken jüdischen Bluteinschlags" nicht in Frage. Käbel könne sich aber, so die zynische Formulierung, auch außerhalb der NSDAP im nationalsozialistischen Sinne betätigen. Das tat er. Er fotografierte Dinslakener, die bei Juden kauften. Die Bilder hängte er in einen Holzkasten (der befand sich gegenüber des Geschäftes Salmon, ungefähr dort, wo heute die Malteser-Apotheke ist) und versah sie mit bösartigen Kommentaren.

Ein Bild, aufgenommen vor dem Laden der Geschwister Salmon, zeigt einen älteren Mann, der zwei Fahrräder hält. Der Kommentar: "Guter Familienvater? Ja! Mutter kauft beim Juden Salmon – er hält die Räder!" Ein anderes Foto zeigt zwei Männer vor dem Schuhhaus Davids. Daneben steht: "Gibt's nur beim Juden Davids Schuhe?"

Berta Salmon war mutig genug, sich über den Mann, der aus ihrem Geschäft kommende Kunden fotografierte, bei der Polizei zu beschweren. Zwei Tage später veranlasste der Landrat, die sofortige Entfernung der Bilder aus dem Kasten. Die Fotos sollte Käbel vernichten. Die elf Negative, die er der Staatspolizei übersandte, forderte er zurück. Später schickte er insgesamt 14 Dinslaken-Fotos an die antisemitische Wochenzeitung "Der Stürmer". Darunter ist ein Bild, das Kinder und Jugendliche vor dem "Stürmerkasten" am Neutor zeigen. Käbels Text dazu: "So sah es zwei Tage lang am Stürmerkasten in Dinslaken aus."

"Der Stürmer" veröffentlichte Käbels Fotos nicht. Für den Denunzianten mit der Kamera schien die Aktion dennoch zunächst erfolgreich. Er wurde wieder in die NSDAP aufgenommen. "Die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze" im Herbst 1935, "machten jedoch ein Verschweigen seiner jüdischen Herkunft unmöglich. Käbels Austritt aus der NSDAP im November 1935 war endgültig.

"Von fast allen Juden, die Käbel im "Stürmerkasten" "anprangerte, ist bekannt, dass sie den NS-Völkermord nicht überlebten", schreibt Anne Prior. Die Autorin hält die 14 Fotos, auf die sie über die Ausstellung "Zwangsarbeit" im Jüdischen Museum Berlin stieß, für Dinslaken von großem historischem Wert. Den Fall Käbel bezeichnet sie in Ihrem Aufsatz "auch für das Oberste Parteigericht" als ungewöhnlich. Ob sich Käbel der Verfolgungspolitik der Nazis entziehen konnte, die die er mit seiner "Stürmerkastenaktion" selbst forciert hatte, ist nicht bekannt. Seine Großmutter Emma Liebermann wurde 1942 in Treblinka ermordet.

Für David Wolf, von Hans Georg Käbel als Zigarrenjude geschmäht, und seine Familie wird der Verein Stolpersteine für Dinslaken, dessen Vorsitzende Anne Prior ist, im nächsten Frühjahr vor dem Haus Neustraße 45 vier Gedenksteine verlegen.

(RP/ac)
 
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