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Michael Van Meerbeck
Der Enthusiasmus der Hilfsbereiten

Michael Van Meerbeck: Der Enthusiasmus der Hilfsbereiten
Die Flüchtlinge haben in dieser Woche ihre Unterkunft im Hardtfeld neu gestrichen. FOTO: Martin Büttner
Dinslaken. Der Caritasdirektor berichtet von der immensen Hilfe, die sein Verband bei der Betreuung der Flüchtlinge erfährt, geht aber auch darauf ein, dass der große Enthusiasmus der vielen Hilfsbereiten manchmal zu Problemen führen kann.

Herr van Meerbeck. Seit bekannt war, dass die Stadt Dinslaken praktisch über Nacht 120 Flüchtlinge zusätzlich unterbringen musste, hat Ihr Verband, der für die Betreuung der Menschen zuständig ist, eine Welle der Hilfsbereitschaft erfahren, die auch nicht abebbt. Hätten Sie damit gerechnet?

Michael van Meerbeck Nein, in der Form nicht. In den Medien sehen, hören und lesen wir ja immer wieder, wie skeptisch die Bevölkerung auf die Flüchtlinge und die Notwendigkeit sie unterzubringen, reagiert. Das haben wir in unserer Stadt überhaupt nicht erlebt. Stattdessen erleben wir ganz viele Menschen aus Dinslaken, die helfen wollen. Das hätten wir so nicht erwartet. Und das freut uns sehr.

Offenbar sind die sozialen Medien - in Dinslaken hat sich beispielsweise eine eigene Facebook-Gruppe gegründet - ein ausgesprochen effektiver Weg, Hilfe zu organisieren. Wie erleben Sie das?

van Meerbeck Zweischneidig. Zum einen kann man in der Tat ganz toll Hilfe organisieren. Zum anderen kann aber auch jeder seine Schwierigkeiten, die er empfindet, oder sein Unverständnis sofort einem großen Publikum mitteilen, ohne dass die Hintergründe thematisiert werden. So entstehen häufig ganz schiefe Bilder, von dem, was hier bei uns notwendig ist und getan wird.

Damit spielen Sie jetzt auf kritische Einträge auf Facebook-Seiten an, von Menschen, die sich mit Ihrer Hilfe nicht richtig angenommen fühlen.

van Meerbeck Ja, die gelegentlichen Schwierigkeiten bei der Annahme der Hilfe rühren daher, dass wir eine Einrichtung aus dem Boden stampfen mussten mit vorhandenem Personal, also Mitarbeitern, die ja auch noch in den bestehenden Einrichtungen ihre Arbeit tun müssen, so dass wir wirklich an der Höchstbelastungsgrenze der Mitarbeiter angekommen sind. Unsere Mitarbeiter machen Überstunden, setzen sich über die Maßen ein. Sie müssen ad hoc Strukturen schaffen, die es bis vergangenen Dienstag ja gar nicht gegeben hat. Von daher muss sich das System erst aufbauen, die Mitarbeiter müssen ihre Arbeit finden und sich dann auch noch um die kümmern, die ihre ehrenamtliche Hilfe anbieten. Da kann es passieren, dass sich in dem Moment jemand mit seiner Hilfe nicht hinreichend wertgeschätzt fühlt. Das ist aber nicht so. Unsere Mitarbeiter müssen sich aber einfach um ganz viele Baustellen gleichzeitig kümmern.

Woher rührt dieses Unverständnis?

van Meerbeck. Ich kann mir das nur so erklären: Wenn man von außen in etwas hineinkommt und ein bestimmtes eigenes Bild hat von dem, wie es sein sollte und findet das so eben nicht vor, dann macht sich die Kritik häufig an Personen fest, die aufgrund ihrer Aufgaben zunächst andere Schwerpunkte setzen müssen und sich nicht sofort dem Menschen, der in die Einrichtung kommt und helfen will, zuwenden können.

Wie wirkt das eigentlich auf die Flüchtlinge? Haben die bei all dem Neuen, das auf sie einstürzt, noch genügend Zeit und Möglichkeiten, sich zurückzuziehen und das, was sie erlebt haben, zu verarbeiten?

van Meerbeck Bei uns steht immer die Betreuung im Vordergrund. Es gibt ganz viele traumatisierte Menschen unter den Flüchtlingen, Menschen, die Fragen haben, die sich zurechtfinden müssen, die aber auch verarbeiten müssen, was sie auf der Flucht und in ihrem Heimatland erlebt haben. Deshalb müssen die Einrichtungen auch Intimität zulassen. Sie können nicht wie ein Haus der offenen Tür ständig von außen Besucher bekommen, selbst wenn die ihr Engagement noch so gut meinen. Wir können bei denen, die uns unterstützen und sehr emphatisch in die Einrichtungen kommen, nur um Verständnis werben, dass es Situationen geben kann, in denen sie stören. Dieses Verständnis erleben wir in den allermeisten Fällen.

Wie wichtig ist es, dass die Flüchtlinge das Gefühl haben, dass sie bei allem, was mit ihnen geschieht, eingebunden werden?

van Meerbeck Wir verfolgen in der neuen Einrichtung von Anfang an das Konzept - wie wir das auch in der Fliehburg tun - die Bewohner an den Arbeitsabläufen zu beteiligen. Das sichtbarste Zeichen dafür ist im Moment die Außengestaltung des neu eingerichteten Gebäudes im Hardtfeld. Hier setzen sich die Flüchtlinge mit viel Fleiß und fachlichem Können ein, streichen das Haus und bringen die Gartenanlagen in Schuss. Gleichzeitig sind sie auch bei der Organisation der Mahlzeiten und allen anderen Dingen eingebunden, die notwendig sind, eine solche Einrichtung zu führen. Das ist besonders wichtig, um den Menschen deutlich zu machen, dass sie hier etwas wert sind, dass sie nicht nur ein Objekt der Betreuung sind, sondern Partner im System.

Noch mal zurück zum Anfang des Gesprächs. Hilfe wird von der Caritas gerne angenommen, der Caritasdirektor wünscht sich aber auch ein bisschen mehr Verständnis für seine Mitarbeiter?

van Meerbeck Hilfe wird absolut gebraucht, auch diese Signale des Willkommens, die die Menschen in allen Flüchtlingseinrichtungen in Dinslaken erfahren. Das ist unheimlich schön. Es ist aber eben auch so, dass unsere Mitarbeiter mit einem völlig ausgereizten Zeitbudget ihre Arbeit tun müssen. Die Bezirksregierung räumt unserer neuen Einrichtung zurzeit noch keinen längerfristig gesicherten Status ein. Das heißt also, wir werden weiter unter der Last leben, dass wir eine zusätzliche Einrichtung mit 120 Menschen an zwei Standorten führen müssen, ohne darauf mit mehr Personal reagieren zu können.

JÖRG WERNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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