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Michael Van Meerbeck
Der Heilige Martin und die Flüchtlinge

Flüchtlinge: Das sagen ehrenamtliche Helfer
Flüchtlinge: Das sagen ehrenamtliche Helfer FOTO: RP
Dinslaken. Der Caritasdirektor, dessen Verband die Flüchtlingsunterbringung in Dinslaken und Voerde organisiert, spricht im Interview mit der Rheinischen Post darüber, was die Geschichte von Sankt Martin gerade in diesen Tagen für uns bedeuten kann.

Herr van Meerbeck, in diesen Tagen ziehen die ersten Martinszüge durch Dinslaken, Voerde und Hünxe. Wie aktuell ist die Geschichte des Mannes, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt, heute - gerade auch mit Blick auf die Flüchtlingsthematik?

Michael van Meerbeck Der Heilige Martin hat sich dem fremden Menschen, der nicht zu seiner Nationalität gehörte, denn er war ja Römer, zugewandt - ungeachtet seiner Religion und Person. Und er hat seinen Mantel geteilt, obwohl er wusste, dass der Mantel eben nur für ihn ausreichte, um ihn vernünftig zu wärmen. Er hat das gegeben, was er am Körper trug, er hat sich also selbst entäußert. In der Situation sind wir in Deutschland lange nicht. Wenn wir unsere Städte besehen, haben wir immer noch die Möglichkeit, Menschen zu helfen, auch wenn wir darauf gucken müssen, dass die Menschen ordentlich begleitet werden, damit sie sich in unserer Gesellschaft zurecht finden und integrieren können. Wenn sie sich bei uns zurecht finden, können sie für uns auch Chance sein. Da müssen wir uns nur den demografischen Wandel und die Überalterung unserer Gesellschaft vor Augen führen. Angesichts der freien Stellen in der Ausbildung und am Arbeitsmarkt können wir Menschen integrieren und sie können zur positiven Entwicklung unserer Gesellschaft beitragen.

In eigenen Worten: Flüchtlinge berichten über ihre Flucht FOTO: rp

So mancher wird jetzt sagen, dass das arg optimistisch oder naiv gedacht ist.

van Meerrbeck Überhaupt nicht. Grundlage einer positiven Entwicklung ist und bleibt allerdings, dass wir uns unserer eigenen Werte versichern und sie entsprechend gegenüber dem anderen vertreten, damit Integration stattfindet. Integration findet aus zwei Richtungen statt: Es kommt jemand mit seiner Kultur, seinem Glauben, seiner Wertehaltung, und er begegnet jemandem, der seine eigene Wertehaltung hat und nur, wenn wir diese auch vertreten - die Freiheit, die Glaubensfreiheit, die Freiheit unserer pluralistischen Gesellschaft - ganz allgemein die Werte, die wir zur Grundlage unseres Zusammenlebens gemacht haben - dann kann der andere sich auch einfinden in diese Gesellschaft.

Teilen fällt immer dann nicht besonders schwer, wenn man ausreichend hat. Offenbar gibt es immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft die Flüchtlinge als Konkurrenten - um Arbeitsplätze, um bezahlbaren Wohnraum - empfinden. Glauben Sie, dass man diesen Menschen mit Sankt Martin kommen kann?

van Meerbeck Schauen wir nur einmal auf den Pflegebereich. Wir, die jetzt in Arbeit stehen und später möglicherweise auf Pflege angewiesen sind, müssen uns bewusst machen, dass es bei uns zu wenig Menschen gibt, die das übernehmen können. Allein an diesem Bespiel lässt sich verdeutlichen, dass Flüchtlinge keine Bedrohung sind, sondern dass sie Hilfe sein können. Wenn wir auf den Wohnungsmarkt gucken, müssen wir als Gesellschaft Wohnraum schaffen, nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für Menschen, die alt geworden sind und ihre Lebensleistung erbracht haben, aber nicht über das Einkommen oder das Vermögen verfügen, barrierefreie Wohnungen zu kaufen oder zu mieten. Und wir müssen Wohnungen schaffen für Familien, die über keine großen Einkommen verfügen. Nur wenn wir das gerecht angehen, werden wir es als Gesellschaft schaffen, dass eben nicht die angesprochene Konkurrenzsituation entsteht. Wir müssen damit allerdings jetzt beginnen. Wir hatten auch schon einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum, bevor die Flüchtlinge gekommen sind. Der ist nur nicht so sehr thematisiert worden. Deswegen müssen wir jetzt handeln. Das ist eine Gerechtigkeitsfrage in unserer Gesellschaft.

Welche Möglichkeiten hat denn eine Kommune wie zum Beispiel Dinslaken, Wohnraum zu schaffen?

van Meerbeck In anderen Zeiten, als wir einen hohen Zustrom von Menschen hatten - beispielsweise in den 90er Jahren, als die Aus- und Übersiedler gekommen sind, davor die Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg - haben wir Millionen Menschen aufgenommen und mit ihnen gemeinsam dieses Staatsgebilde, das ja sehr gut gelungen ist, aufgebaut. Die Kommunen haben früher eigenen Wohnraum geschaffen oder schaffen lassen. Sie haben diese Entwicklung gelenkt und initiiert. Ein kommunales Unternehmen wie die Wohnbau könnte hier eine Menge bewegen. Nun verfügt de Stadt Dinslaken nicht über eine Menge von Grundstücken. Deswegen wird es darauf ankommen, dass wir Baulücken in unserer Stadt schließen und zwar so, dass dabei Wohnraum entsteht, den sich nicht nur Menschen leisten können, die etwas mehr Geld haben. Dass kann nur die öffentliche Hand organisieren.

Sie haben gerade von den Werten gesprochen, zu denen wir stehen sollten. Jetzt erleben wir, dass die Martinszüge zwar ziehen, dass aber auch die Tendenz stärker wird, sie durch sogenannte Lichterfeste zu ersetzen. Wie beurteilen sie diese Entwicklung?

van Meerbeck Ich bin ein Anhänger einer pluralen Gesellschaft. Menschen sollen gemäß ihrer persönlichen Einstellungen frei in unserer Gesellschaft leben dürfen. Wir müssen an unseren Martinszügen festhalten, weil sie nicht einfach eine Wanderschaft mit einer Laterne sind, sondern weil sie das Licht Gottes in die Welt bringen. Das ist für mich unaufgebbar. Dass andere Menschen, die nicht unserem Glauben anhängen, andere Feste gestalten, ist in Ordnung. Wichtig ist nur, dass jeder sein Leben gestalten kann, solange er das Leben des anderen nicht einschränkt.

Eine katholische Kindertagesstätte wie die der Caritas in Lohberg wird also auf jeden Fall weiter einen Martinszug machen, obwohl sie einen relativ großen Anteil an Kindern muslimischen Glaubens hat.

van Meerbeck Ja, wir sind eine katholische Einrichtung, auch wenn wir jeden anderen Glauben akzeptieren. Wir bieten aber das, was zu unserem Glauben gehört. Und deswegen wird der Marienkindergarten, obwohl er natürlich den Imam zu sich einlädt, natürlich auch über Fragen des muslimischen Glaubens spricht, an seinen Grundüberzeugungen festhalten, die aus der katholischen Glaubensgemeinschaft gespeist werden.

Wie sind da Ihre Erfahrungen? Wird das von den muslimischen Eltern akzeptiert?

van Meerbeck Unsere Kindertagesstätten sind ja sehr offen, so dass viele Religionen bei uns beheimatet sind, und wir machen kein Hehl daraus, dass wir ein Teil unserer katholischen Kirche sind. Ich glaube, dass sich gerade deswegen viele Menschen für eine unserer Einrichtungen entscheiden, weil sie sehen, dass sie bei uns auf Menschen stoßen, die ihre Werte haben, die es aber auch ermöglichen, dass sie sich mit ihren Werten zuordnen können, eben weil genau das unserem Wertekanon entspricht.

JÖRG WERNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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