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Rebecca Scherer
Die Lebensretterin

Rebecca Scherer: Die Lebensretterin
Rebecca Scherer neben dem Baum, gegen den im Juni 2015 das Auto eines 21-Jährigen geprallt war. Sie zog den Fahrer heraus, als der Wagen schon brannte. Die Spuren des Feuers sind noch heute am Baum zu sehen. FOTO: Martin Büttner
Dinslaken. Im Juni 2015 verunglückte ein Autofahrer vor Rebecca Scherers Haus. Die Dinslakenerin zögerte nicht und befreite ihn aus dem brennenden Wagen. Dafür erhielt sie jetzt die Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen. Von Emily Senf

In einer Sommernacht im Juni 2015 wuchs Rebecca Scherer über sich hinaus. Geistesgegenwärtig rettete die heute 33-jährige einen jungen Mann aus einem brennenden Auto und kümmerte sich um ihn, bis die Rettungskräfte eintrafen. Noch immer ist die Unfallstelle zu erkennen - die Schneise, die der Wagen des 21-jährigen Fahrers im Gras hinterließ, nachdem er von der Straße abgekommen war, die verkohlten Blätter des Baumes, der Feuer gefangen hatte, als das Auto in Flammen aufging. Nur weil Scherer, die damals eher zufällig zu Hause war und den Unfall mitbekam, den Fahrer rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, war nichts Schlimmeres passiert. Für ihren Einsatz wurde sie jetzt in Köln mit der Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Heute, fast anderthalb Jahre nach dem Unfall, sind die Erinnerungen ein wenig verschwommen, sagt Scherer. Vergessen kann sie die Nacht aber nicht. Am Abend des 13. Juni, einem Samstag, war sie auf einem Musikfestival und wollte dort übernachten. Weil es ihr aber nicht gefiel, fuhr Scherer doch nach Hause. Mit ihren Eltern saß sie vor dem Fernseher, als sie nach Mitternacht einen lauten Knall hörte, danach immer wieder Klirrgeräusche. Die Dinslakenerin lief nach draußen und sah, dass auf der anderen Straßenseite, in einem tieferliegenden Waldstück, ein Auto frontal gegen einen Baum geprallt war. Der Fahrer hatte die Tür geöffnet, saß aber noch im Wagen und zerschlug Bierflaschen, eine nach der anderen. Dann rief Scherers Vater: "Es brennt!"

Die junge Frau, damals in der Ausbildung zur Altenpflegerin, überlegte nicht lange. Sie packte den Unfallfahrer unter den Armen und zog ihn heraus, weg vom brennenden Auto und der Hitze. Selber laufen konnte der 21-Jährige nicht. Er war größer als sie und voller Glassplitter von den zerschlagenen Flaschen, aber Scherer gab nicht auf. Sie erinnert sich: "Als wir oben an der Böschung ankamen, war ich fix und fertig." Mit dem Handy des Verunglückten rief sie die Feuerwehr.

Die Verleihung der Rettungsmedaille übernahm Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Sie ehrte die 33-Jährige und 29 weitere Retter, die anderen zu Hilfe gekommen waren, im Rahmen der Woche des Respekts. "Das ist eine große Ehre", sagt Scherer, die inzwischen als Altenpflegerin in Essen arbeitet. Als sie die Geschichten der anderen hörte und erfuhr, dass nicht alle Geretteten überlebt haben, wurde ihr klar: "Ich bin dankbar, dass es bei mir so gut ausgegangen ist", sagt sie.

Der 21-Jährige war nicht lebensgefährlich verletzt und bei Bewusstsein. Dennoch war für Scherer in der Unfallnacht unklar, ob er wieder würde laufen können. "Als der Rettungswagen kam, konnte er seine Beine schon nicht mehr spüren", sagt sie. Solange sie konnte, blieb sie bei ihm, hielt seinen Kopf in ihrem Schoß und redete auf ihn ein. Denn mit den Rettungskräften und der Polizei sprach der Fahrer nicht. Nur auf seine Helferin reagierte er, blickte sie an und reichte ihr seinen Arm, damit die Sanitäter ihm einen Zugang legen konnten.

Wie Scherer damals von den Polizeibeamten erfuhr, war der junge Mann zuvor in einen Discounter eingebrochen. "Das erklärte auch die vielen Getränkekisten auf seiner Rückbank", sagt sie. Auf seiner Flucht hatte er an der Kreuzung in der Nähe von Scherers Haus die Kontrolle über seinen Wagen verloren. "Warum er aber nach dem Unfall die Bierflaschen zerschlagen hat, habe ich nie erfahren."

Auch sie selbst geriet unter Verdacht, eine Komplizin zu sein. "Ich hatte ja auch keinen Ausweis dabei", sagt sie. Erst als ihre Mutter sich durch die Absperrung kämpfte und auf die Beamten einredete, klärte sich die Situation. "In dem Moment war ich wütend auf die Polizei", erinnert sich Scherer. "Ich konnte nicht verstehen, dass sie den Mann zu dem Einbruch befragen wollte, obwohl er verletzt war."

Die Retterin fuhr noch in der Nacht selbst ins Krankenhaus und ließ ihre Schnittwunden versorgen. Immer wieder fragte sie dort nach dem Mann. Aber niemand gab Auskunft. "Ich habe mir große Sorgen um ihn gemacht", erklärt sie. Dass er ein Dieb sein sollte, war und ist ihr egal: "Ich hätte auch so gehandelt, wenn er ein Mörder gewesen wäre."

Den nächsten Tag verbrachte sie im Bett, am Montag fuhr sie zur Arbeit. Der Alltag ging weiter. Knapp zwei Monate später jedoch stand der 21-Jährige plötzlich auf dem Hof ihrer Eltern - auf Krücken. In Begleitung seiner Mutter wollte er sich für die Rettung bedanken. Scherer fiel ein Stein vom Herzen, doch mit ihm sprechen konnte sie nicht. "Ich war überwältigt", sagt sie. Ihr Vater nahm die Blumen entgegen. Der junge Mann hinterließ seine Telefonnummer. Vielleicht wird Scherer sie eines Tages wählen.

Quelle: RP
 
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