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Dinslaken
Drei Stunden Spannung und Präzision

Dinslaken: Drei Stunden Spannung und Präzision
Ein großartiges Werk vor beeindruckender Kulisse bekamen die Besucher in der Vincentius-Kirche geboten. FOTO: Heinz Kunkel
Dinslaken. Dinslakener Bach-Chor führte mit rund 240 Mitwirkenden in der Vincentius-Kirche Bachs Matthäus-Passion auf. Von Bettina Schack

Es war eine Dimension an Klangfülle und Anzahl von Mitwirkenden, die sich Johann Sebastian Bach selbst wohl kaum hätte ausmalen können. Der Bach-Chor Dinslaken und die Kantorei Kaiserwerth führten in zwei Konzerten in Kaiserwerth und am Sonntag in Sankt Vincentius Dinslaken Bachs Dreistunden-Opus, die Matthäus-Passion, in großer Besetzung auf.

Während die Dinslakener Kreiskantorin Daniela Grüning die Chöre, die Philharmonie Düsseldorf und die Solisten Cornelia Isenbörger (Sopran für die erkrankte Sabine Schneider), Angela Froemer (Alt), Mark Heines (Tenor), Sebastian Klein (Bass: Jesusworte) und Richard Logiewa (Bass: Arien, Petrus, Judas) dirigierte, sorgte Daniela Grünings Kollegin aus Kaiserswerth Susanne Hiekel auf der Orgeltribüne für die Koordination der erweiterten Jugendkantorei Dinslaken/Kaiserwerth, die immer dann die Choräle sangen, wenn Bach den anderen Chorstimmen um den schlichten Gemeindegesang kunstvolle Gegenstimmen gruppiert hat.

Begleitet wurden die Sängerinnen und Sänger von der Philharmonie Düsseldorf, die - mit Ausnahme des Gambisten - auf modernen Orchesterinstrumente spielte. Rund 240 Mitwirkende forderten so die Raumakustik von Sankt Vincentius heraus - und boten dem Publikum einen wahren Klangrausch.

"An diesem Wahlsonntag darf ich Ihnen sagen, Sie haben eine gute Wahl getroffen", begrüßte Dechant Gregor Kauling das Publikum und richtete den Blick aufs Theologische: "Lassen Sie uns auf den Herrn schauen, der für uns sein Leben gab." Ein Blick, den Zeitgenossen Bachs für uns heute unverständlicherweise gerade durch die Musik, die zu den großartigsten gehört, das je geschrieben wurde, versperrt sahen. Zu viel Oper, zu viel große Gefühle und damit viel zu sinnlich lautete das Urteil: Bach schrieb sein Werk zweimal um und führte es danach nur noch im kleinsten Kreis auf. Erst Felix Mendelssohn, in dessen Familie Johann Sebastian Bach Kultstatus genoss, setzte als 18-Jähriger eine Wiederaufnahme der Passion in der Berliner Singakademie durch.

Mit seiner Aufführung rund 100 Jahre nach der Komposition des Barockwerkes leitete er in der Romantik die Bach-Renaissance ein. Und die Aufführung in Sankt Vincentius gab eine Ahnung davon, wieso das Werk gerade in jener Zeit den Nerv des Publikums traf.

In der Matthäus-Passion verband Bach originale Bibeltexte, Choräle wie das bis heute gesungene Gemeindelied "O Haupt voll Blut und Wunden" und geistliche Gedichte, in denen die Geschehnisse des Karfreitags sehr persönlich und gefühlsbetont kommentiert werden zu einem Passionsoratorium, in der die Handlung in Rezitativen und direkter Rede dramatisiert wird wie in einer Oper und in denen die Hörer als mitfühlende Gemeinde direkt in die Handlung hineingezogen werden. Bach komponierte Instrumentalstimmen wie die Solo-Violine in der Arie "Erbarme dich mein Gott, um meiner Zähren willen", die in St. Vincentius mit geradezu romantischem Duktus interpretiert wurden, verlangte von seinen Solisten Intervallsprünge, die im letzten Rezitativ der Passion geradezu schon ins Atonale verweisen.

Und dazwischen Lautmalereien, kochende Emotionen von Volk und Einzelpersonen der biblischen Überlieferung, Blitz und Donner und Erdbeben, die über den Rahmen des in der Barockoper üblichen weit hinausgehen. Gut drei Stunden inklusive einer kleinen Pause hält Daniela Grüning die musikalische Spannung und Präzision des gewaltigen Klangapparats und der 200 Sängerinnen und Sänger auf hohem Niveau, dann erhob sich das Publikum für den Schlussapplaus von den Kirchenbänken.

Bach-Chor-Leiterin Daniela Grüning ist Kreiskantorin der Kirchenkreises Dinslaken, Susanne Hiekel hält diese Position in Düsseldorf-Kaiserwerth. Das Dirigat der Matthäus-Passion teilten sie sich: Susanne Hiekel hatte die Gesamtleitung bei der ausverkauften Aufführung am 6. März in Kaiserwerth.

Quelle: RP
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