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Voerde
Durch die Jagd zur menschlichen Kultur

Voerde. In seinem Buch "Am Anfang war die Jagd" nimmt Autor Dieter Stahmann die Leser mit auf eine Reise mit in die Zeit, in der sich die Menschen von Sammlern zu Jägern entwickelten und untersucht unser Erbe aus dieser Epoche. Von Florian Langhoff

Es sind die Höhlenmalereien, die sich wie ein roter Faden durch das Buch "Am Anfang war die Jagd" von Dieter Stahmann ziehen. Während seiner zweijährigen Recherche für sein Buch reiste der Autor nach Frankreich und erkundete Höhlen, in denen sich Malereien finden lassen, die weit über 10.000 Jahre alt sind. "Das kann ich jedem nur empfehlen. Es ist eine aufregende Sache, durch diese Höhlen zu klettern und immer neue Bilder von Tieren an den Wänden zu entdecken", erzählt er. Eben diesen Zeichnungen, die er als "großartigen, kulturellen Höhepunkt" der damaligen Entwicklung des Menschen sieht, hat der langjährige Chef der Voerder Aluhütte einen großen Teil seines Buches gewidmet.

Auf zahlreichen Seiten finden sich Fotos von Tierdarstellungen auf Höhlenwänden. Pferde und Mammuts sind dort zu sehen, detailliert gezeichnete Köpfe von Löwinnen. Oft in schwarzen Umrissen auf die Höhlenwände gebracht, manchmal mit Farbe versehen oder als Relief in den Stein gekratzt. "Die äußeren Zeichen des Erbes der Nacheiszeit (Holozän) von den Pyramiden bis zum Computer liegen sichtbar oder zumindest als dekorative Ruinen vor uns, oder schlummern in riesigen Bibliotheken, während die Jägerzeiten mit ihren minimalen archäologischen Funden vergessen sind", schreibt Stahmann am Anfang des Buches.

Dass dies den Titel "Am Anfang war die Jagd" trägt, verweist auf eine Entwicklungsgeschichte, die Dieter Stahmann hier in seinem populärwissenschaftlichen Text nachzeichnet. "Ich befasse mich schon länger mit der Jagdgeschichte und das sind quasi ihre Anfänge", erklärt der Autor. Mit Beginn der Eiszeit, so erzählt das Buch, wären die Menschen dazu gezwungen gewesen, ihre Lebensweise von jener des Sammlers zu jener des Jägers umzustellen. Dabei verweist Stahmann zuerst einmal auf archäologische Tatsachen und Funde und erzählt eine auf diesen basierende Geschichte der Jagd.

Zum einen, so berichtet der Text, habe sich durch eine Zunahme von Fleisch auf dem Speiseplan der Menschen eine erhöhte Eiweißzufuhr ergeben, die für die Entwicklung des menschlichen Gehirns eine entscheidende Rolle gespielt habe. Des Weiteren sei die Jagd auch die Grundlage für viele weitere Entwicklungen im menschlichen Leben und Zusammenleben gewesen. "Die Kultur des Menschen entstand durch die Jagd", bringt Stahmann die grundlegende These seines Buches auf den Punkt.

Vom Selbstbewusstsein über die Moral und Sprache bis hin zu Gemeinschaftswesen und Kunst habe sich vieles aus der Jagd entwickelt. "Der moderne Mensch ist - trotz der dazwischenliegenden 10000 Jahre Landwirtschaft - primär der Erbe dieser Welt der Jäger, die in fast allen körperlichen und seelischen Bereichen noch zu erkennen ist", schreibt Stahmann. Und das mag nun weniger verwundern, wenn man bedenkt, dass der vergleichsweise kurzen Zeitspanne von 10.000 Jahren mit Ackerbau und Viehzucht gut zwei Millionen Jahre "Jagdgeschichte" vorausgehen.

Auch dass eine Entwicklung der Fähigkeiten zur Kooperation und Verständigung zur erfolgreichen Jagd auf riesige Mammuts und Waldelefanten von Nöten war, kann man sich leicht vorstellen, wenn man in Stahmanns Buch Fotos von Skeletten der Titanen der Urzeit im Vergleich zu winzig wirkenden Menschen sieht.

Seine Ausführungen stützt Dieter Stahmann auf die Bücher "Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens" von Michael Tomasello und "Schnelles Denken, langsames Denken" von Daniel Kahnemann. Ein wissenschaftlicher Unterbau für seine Geschichte der Jagd, die zwei Millionen Jahre menschlicher Entwicklung skizziert.

Der Autor zeichnet auch die Schritte zum modernen Menschen nach und denkt über die Zeit der Eiszeitjäger als mögliches "verlorenes Paradies" nach. Denn die "neolithische Revolution" vor 10.000 Jahren habe zwar gewaltige materielle Erfolge gebracht, zeitgleich aber das Verhältnis der Menschen zur Natur grundlegend zerstört. "Wir haben heute eigentlich kein Verhältnis mehr zu Tieren", sagt Dieter Stahmann. "Für die meisten Menschen sind Tiere nur noch als Haustiere zum Kuscheln oder als Schlachtvieh zum Essen da", sagt er.

Zudem sei auch die Neigung zur Kooperation der Menschen in den Hintergrund getreten. Dabei sollte es doch für moderne Menschen möglich sein, Probleme durch Zusammenarbeit zu lösen, wenn genau diese ihren Vorfahren das Überleben sicherte, schreibt Stahmann. Ein schöner Gedanke, deren Umsetzung ein Schritt zurück zum "verlorenen Paradies" sein könnte.

"Am Anfang war die Jagd", Dieter Stahmann, 18 Euro

Quelle: RP
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