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Reportage Am Montag
Ein Blick in die jüdische Stadtgeschichte

Reportage Am Montag: Ein Blick in die jüdische Stadtgeschichte
Die Mahnsteine von Alfred Grimm, die im Alltag gerne übersehen werden, gehören zu den Stationen auf Ronny Schneiders Führung in die jüdische Geschichte der Stadt. FOTO: Büttner
Dinslaken. Auf seiner Führung nimmt Ronny Schneider die Teilnehmer mit in die Historie der Dinslakener Juden. Ein Streifzug durch die Jahrhunderte, ausgehend vom Mittelalter bis zum dunklen Kapitel der Verfolgungen durch die Nationalsozialisten. Von Florian Langhoff

Dinslaken Im Zentrum der Neustraße, wo heute ein Denkmal an das jüdische Waisenhaus erinnert, startet Ronny Schneider seine Tour durch die Geschichte der Juden in Dinslaken. "Schon im Mittelalter gab es Juden in der Stadt", erklärt der Gästeführer und Vorsitzende des Dinslakener Heimatvereins. Und zwar gar nicht so wenige und bis in die Moderne hinein. Im Jahre 1885, als Dinslaken noch ein kleines Städtchen mit gerade mal 1000 Einwohnern war, zählte die jüdische Gemeinde schon rund 200 Mitglieder. "Das ist eine erstaunlich hohe Zahl", erklärt Ronny Schneider. "Dinslaken hatte eine der größten jüdischen Gemeinden am ganzen Niederrhein." Und die Juden waren keineswegs Außenseiter in der Stadt, wie der Gästeführer erklärt. Sie waren integriert in den Alltag, waren teilweise angesehene Kaufleute und Händler. "Es gab einen jüdischen Schützenkönig in Dinslaken. Das wird man nicht, wenn man nicht in der Gemeinschaft akzeptiert wird", sagt Ronny Schneider.

Nach dem kurzen historischen Überblick geht es dann entlang verschiedener Stationen durch die jüdische Geschichte der Stadt. Da ist natürlich das ehemalige Waisenhaus, von dem heute nichts mehr zu sehen ist. "Hier lebten 46 Menschen, Kinder und Erzieher", erzählt Ronny Schneider. Bis am 10. November 1938 die Nazis kamen. "Die haben sich wie Einbrecher benommen", beschreibt Ronny Schneider die Situation, der sich die Waisenkinder und ihre Betreuer gegenübersahen. Auf einem Leiterwagen begaben sich die Kinder zu ihrem neuen Quartieren in der Stadt. Schließlich brachte sie ein offener Lastwagen nach Köln. "Von dort aus ging es für die Kinder nach Belgien oder in die Niederlande", erzählt Ronny Schneider weiter. Einige Überlebende dieses Ereignisses kehrten 1993 nach Dinslaken zurück.

Am Gedenkstein für das Waisenhaus zeigt Ronny Schneider (links) den Führungsteilnehmern eine Karte mit jüdischem Grundbesitz in der Stadt. FOTO: Martin Büttner

"Man hat lange gebraucht, um zu einer Kultur des Erinnerns zu finden", erklärt Ronny Schneider. Erst 1993 weihte man das von Künstler Alfred Grimm gestaltete Mahnmal zur Vertreibung der Dinslakener Juden im Stadtpark ein, das auch zu den Zielpunkten auf der Rundtour mit Ronny Schneider gehört. Ebenso wie die, gleichfalls von Alfred Grimm gestalteten Mahnsteine, die an die Schicksale einzelner Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft erinnern. Darunter auch an Siegfried Bernhard, der vor dem Zweiten Weltkrieg das größte Kaufhaus in Dinslaken betrieb. "Wenn man etwas brauchte, dann ging man bei Bernhards einkaufen", erzählt Ronny Schneider. Auch zu den anderen Mahnsteinen, die der Putzmacherin Elly Eichengrün, dem Klempner Julius Isaacson und den Viehhändlern Julius und Josef Jacob gewidmet sind, hat Ronny Schneider etwas zu erzählen.

"Man nimmt diese Mahnsteine oft gar nicht war, wenn man durch die Stadt läuft", sagt eine Führungsteilnehmerin. "Wenn man mit offenen Augen durch Dinslaken läuft, kann man schon viel über die jüdische Geschichte der Stadt erfahren", entgegen Schneider und deutet auf einige der "Stolpersteine", die sich an vielen Stellen im Zentrum Dinslakens finden lassen und ebenfalls an jüdische Bewohner der Stadt erinnern.

Zur jüdischen Geschichte der Stadt gehört natürlich auch die Tatsache, dass es hier früher eine Synagoge gab. Die stand auf dem Gelände eines ehemaligen Klosters an der Klosterstraße. Hier erzählt Ronny Schneider von der Vorgeschichte, dem Synagogenbau und schließlich der Brandstiftung an dem jüdischen Gebäude. "Ein Mädchen lief zur Polizei, um den Brand zu melden. Dort sagte man ihr nur: Die Synagoge soll doch brennen", erzählt Ronny Schneider. Und so geht es weiter an den Stationen jüdischen Lebens in Dinslaken entlang bis zum Ende der Tour.

Wie es so weit kommen konnte, dass die Juden in Dinslaken vertrieben, verfolgt und teilweise ermordet wurden, kann aber auch Ronny Schneider nicht beantworten. "Das Bewusstsein der Menschen wurde vergiftet", versucht er den Ansatz einer Erklärung. Was bleibt, sind Erinnerung und Gedenken.

Quelle: RP
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