| 00.00 Uhr

Dinslaken
Ein blinder Junge lernt schwimmen

Dinslaken: Ein blinder Junge lernt schwimmen
Julian trainiert mit Justin das Rückenschwimmen. FOTO: Lars Fröhlich
Dinslaken. Der achtjährige Julian trainiert gemeinsam mit Gleichaltrigen in der Seepferdchen-Gruppe des SC Dinslaken. Von Rita Meesters

Als vor gut anderthalb Jahren die Anfrage der Familie kam, waren die Übungsleiter des Schwimm-Club Dinslaken zunächst skeptisch. Können sie dem kleinen Julian das Schwimmen beibringen? "Aber als ich ihn kennenlernte, wusste sich sofort, ich kann nicht ,Nein' sagen", erinnert sich Gabi Janßen. Die Übungsleiterin war so sehr von der aufgeschlossenen Art des Achtjährigen angetan, dass sie aus dem "Ruhestand" als Schwimmlehrerin beim SCD zurückkehrte, um Julian in Einzelbetreuung das Schwimmen beizubringen. Heute trainiert der Grundschüler mit vielen anderen Kindern in der Seepferdchengruppe - als einziges blindes Kind.

Zwischen den rund 20 kleinen Mädchen und Jungen, die im Dinamare eifrig das Bahnenschwimmen trainieren, fällt Julian erst auf den zweiten Blick auf. Denn der Junge wird beim Schwimmen immer von einem Lotsen begleitet: Justin schwimmt vor ihm her und warnt ihn, wenn er zu sehr von der Bahn abkommt und gegen den Beckenrand zu stoßen droht.

Julian, der von Geburt an blind ist, hat in den vergangenen Monaten schon viel gelernt. Am Ende des Beckens klettert er selbstständig aus dem Wasser und wird von einem der anderen Kinder an die Hand genommen, um zurück zum Startpunkt zu laufen. "Die Kinder sind total offen", freut sich Gabi Janßen. "Da sagt keiner: Das will ich nicht." Seit einigen Wochen trainiert Julian in der Gruppe der Kinder mit, die das Seepferdchen-Abzeichen bereits erworben haben, im Frühjahr hat er die Prüfung bestanden.

Bei der Arbeit mit dem blinden Kind hat selbst die erfahrene Schwimmtrainerin noch einiges dazu gelernt. Wie vermittelt man einem Jungen, der nichts sehen kann, die korrekten Bewegungsabläufe? "Er konnte sich ja nichts abgucken." Also nahm sie seine Arme und führte die Bewegungen mit ihm gemeinsam aus. Und wie ist es für den Jungen, in einem gefühlt riesigen Becken voller Wasser zu stehen? Das hat sie selbst mit geschlossenen Augen ausprobiert. "Das war auch für mich eine neue Erfahrung. Ich musste völlig umdenken." Eine intensive Betreuung war notwendig - doch es hat sich gelohnt, findet Gabi Janßen. "Man muss auch einmal den Mut haben, etwas auszuprobieren." Auch, wenn Julian heute noch etwas mehr Aufmerksamkeit braucht als die meisten Kinder, gehen die Altersgenossen unbefangen mit ihm um. "Es ist schön zu sehen, wie er in die Gruppe integriert wird", freut sich auch seine Mutter Kirsten Kai, die bei den Trainingsstunden immer mit dabei ist, um ihrem Sohn beim Umziehen und beim Duschen zu helfen.

Für die Eltern ist es wichtig, dass ihr Sohn so normal wie möglich aufwächst. Daher entschieden sie sich auch, ihn nicht auf eine Förderschule, sondern auf die Grundschule Hühnerheide zu schicken. "Wir haben es ausprobiert und sind glücklich mit der Schule." Mittlerweile besucht Julian die zweite Klasse, er spielt Flöte und Klavier und geht gerne mit seinem Vater joggen.

Zum Schwimmen haben die Eltern Julian anfangs überreden müssen. Mittlerweile freut er sich auf jede Trainingsstunde, hat am Schwimmen sogar am meisten Spaß — und bei der Seepferdchen-Prüfung musste er sich ebenso sicher über Wasser halten können wie die anderen Kinder. In der Trainingsgruppe lernen die Mädchen und Jungen nun, ihre Technik zu verbessern und mehrere Bahnen am Stück zu schwimmen. Vier Bahnen hat Julian schon geschafft. Das Hineinspringen ins Wasser und das Abstoßen vom Beckenrand muss er noch üben, ebenso das Kraulen. Bis zum Bronze-Abzeichen gibt's für die Seepferdchen-Kinder noch einiges zu lernen.

Beim Schwimmen mit dem Schwimmbrett trainieren die Fünf- bis Zehnjährigen an diesem Tag den Beinschlag - danach gibt's zum Abschluss noch ein Highlight: Alle dürfen auf die große Rutsche. Da lässt sich auch Julian nicht lumpen, er hat lange darauf gewartet - auf die Rutsche darf er erst, seit er schwimmen kann.

Der Achtjährige ist nun so weit, dass Gabi Janßen sich nun wieder in den Ruhestand verabschieden konnte, in den sie 2014 nach 40 Jahren als Übungsleiterin eigentlich getreten war - und den sie nur für Julian unterbrochen hatte.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Dinslaken: Ein blinder Junge lernt schwimmen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.