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Neu In Der Stadtbücherei
Ein Dorf als Bühne des Welttheaters

Dinslaken. Mit ihrem neuen Roman "Unterleuten" ist der bekannten Schriftstellerin, Juristin und Journalistin Juli Zeh ein großer Wurf gelungen.

Der über 600 Seiten starke Roman führt uns in das kleine verschlafene Dorf Unterleuten im Westen Brandenburgs, ungefähr eine Fahrstunde von Berlin entfernt - ein idyllischer Ort inmitten unberührter Natur. Hier wohnen die Alteingessenen, meist kauzige Typen, neben den nach der Wende zugezogenen Stadtflüchtlingen Seite an Seite. Doch die provinzielle Idylle wird im Sommer der Jahres 2010 mehr und mehr zu einer Bühne erbitterter Machtkämpfe.

Auslöser ist ein westdeutscher Investor, der in unmittelbarer Dorfnähe einen Windpark errichten will - und damit erbitterte Zwietracht sät. Dabei stehen sich auf Seiten der Alteingessenen vor allem der größte Arbeitgeber des Ortes, der clevere und skrupellose Gombrowski, und der Altkommunist Kron gegenüber, während auf Seiten der Zugezogenen vor allem ein ehemaliger Unisoziologe und militanter Vogelschützer und eine intrigante Pferdefreundin die Fäden ziehen.

In den grundverschiedenen Menschen, die hier aufeinander los gehen, und in dem Krieg, den sie entfesseln, spiegelt die Autorin zugleich viele der großen Konfliktlinien unserer Zeit, allem voran den Ost-West-Gegensatz, die Individualisierung und Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft, die fatalen Konsequenzen feministischer Sehzwänge und doktrinäre Engstirnigkeit und sture Rechthaberei.

Zu den Stärken dieses Gesellschafts- und Zeitgeschichtsromans gehören die plastische, rundum überzeugende Figurenzeichnung und eine multiperspektivische Erzählweise, die den Leser das erzählte Geschehen aus dem Blickwinkel der beteiligten Personen sehen lässt und ihn zu eigener Stellungnahme zwingt. Ein spannender Krimi, eine kluge Zeitanalyse, die RP-Lesern nachdrücklich empfohlen wird.

DR. RONALD SCHNEIDER

Zeh, Juli: Unterleuten. Roman; Luchterhand Verlag: 2016

Quelle: RP
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