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Dinslaken
Ein Stück Mittelalter im Pizzakarton

Dinslaken. Der Historiker Dr. Manuel Hagemann entschlüsselt historische Urkunden aus dem Dinslakener Stadtarchiv. Von Bettina Schack

Ein Blick in die "Pizzakartons", die auf der Bühne im Dachstudio ausliegen und man schaut direkt ins späte Mittelalter. Niedergeschrieben auf Pergament mit eleganter, aber für den Laien kryptischer Notarshandschrift, amtlich mit Brief und Siegel. Stück für Stück Wortdokumente des echten Lebens. Heirat, Rente, Spenden und auch das Gerangel um Finanzen aus dem Stadtsäckel. 100 Prozent Dinslaken. Und 100 Prozent Stadtgeschichte, wie sie in vergleichbaren Städten aus dem ehemaligen Herzogtum Kleve heute nicht mehr erhalten ist. Das Urkundenbuch der Stadt Dinslaken umfasst 220 Urkunden unter 184 Urkunden-Nummern, sie datieren aus der Zeit von 1273 bis 1717.

Manuel Hagemann, frisch promovierter Doktor in Geschichte von der Universität Bonn, hat die Aufgabe übernommen, sie Buchstabe um Buchstabe zu transkribieren und ihre Inhalte in so genannten Regesten zusammenzufassen. Bis 1569 ist er bislang gekommen, genug Material, um das Zwischenergebnis vorzustellen. Im Rahmen der stadthistorischen Vorträge von VHS, Heimatverein und Stadt präsentierte er Fakten, Vorgehensweisen, Statistiken, aber auch ganz lebendige, echt Dinslakener Begebenheiten im Dachstudio. Und Stadtarchivarin Gisela Marzin steuerte als Anschauungsmaterial originale Urkunden aus dem 15. Jahrhundert bei. In eben jenen "Pizzakartons", in denen sie sicher vor Knicken, Dellen oder sonstigen Beschädigungen für kommende Generationen bewahrt werden. Notula, jene Schreibschrift der Notare, sieht mit ihren kleinen, feinen Buchstaben und vielen Schnörkeln sehr schön aus, ist aber extrem schwer zu lesen. Eine Stunde braucht Hagemann zum Transkribieren einer ordentlich verfassten Urkunde. Aber hatte der Notar einen stressigen Tag und schrieb entsprechend fahrig, dauert das Entziffern auch schon mal Tage.

Wofür macht man das? Um aus Urkunden Statistiken zu bauen, dass 51,9 Prozent der ausgewerteten Papiere das Hospital zum Inhalt haben und Dinslaken damit Erkenntnisse für das Armenfürwesen im Niederrhein bieten kann, dass 63,9 Prozent der Urkunden von Schöffen ausgestellt wurden, womit sich die Altvordere Dinslakener Oberschicht Historiker und Genealogen namentlich vorstellt? Auch dies ist von wissenschaftlichem Nutzen.

Aber richtig spannend wird es, wenn die "alten Dinslakener" auf einmal den heutigen Menschen ganz nah sind, weil die Dinge, mit denen sie sich herumschlagen, so vertraut sind. Und das fängt, um bei den Urkunden zu bleiben, mit der Datensicherung an. So war die Urkunde zur Verleihung der Stadtrechte von 1273, der ganze Stolz Dinslakens, bereits nach wenigen Jahrzehnten in einem Erhaltungszustand, dass sie 1342 auf einem neuen Stück Pergament neu ausgestellt werden musste. 1434 verfassten Notare eine Kopie, beglaubigt durch ihr handgeschriebenes Siegel, ihrem "Firmenlogo": Sie hält bis heute. Leuchtende Augen sieht man bei Dr. Hagemann und Museumsleiter Dr. Peter Theißen beim Anblick einer zweigeteilten Urkunde: "Chirographie - davon hört man im Studium, und wir haben so etwas hier!" Auf einem Pergament wurde zweimal derselbe Text geschrieben, das Blatt im Zickzack in der Mitte zerschnitten. Beide Parteien, die jede getrennt für sich diesen Vertrag am Ende ihres Streites archivierten, waren die "alderstadt" und die "niuyer-stadt", die konkurrierende Altstadt und die Neustadt, die im Clinch um Stadtentwicklung und Sanierungsfinanzierungen lagen.

Im Frühjahr finden die Urkunden ihren Platz im neuen Stadtarchiv. Und es ist zu überlegen, wie die Ergebnisse aus der Forschungsarbeit Wissenschaftlern, Heimatforschern und interessierten Dinslakener zugänglich gemacht werden können: Weil man die Gegenwart besser einzuordnen vermag, wenn man weiß, was so alles, was heute in den Köpfen spukt, schon im Mittelalter die Runde machte.

Quelle: RP
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