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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Ein Uhrmacher zu Gast im fernen China

Dinslaken. Seit seinem eindrucksvollen Roman über die Verbannung des römischen Dichters Ovid ("Die letzte Welt", 1988) gehört Christoph Ransmayr zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Seine Romane führen immer wieder in ferne Zeiten und Welten, wo die Begegnung mit dem Fremden zur Möglichkeit einer radikal neuen Selbsterfahrung wird.

Sein neuer Roman "Cox oder der Lauf der Zeit" knüpft in seiner raffinierten Mischung aus Fakten und Fiktion, seiner Exotik und seiner Verbindung aus präziser Beschreibungskunst und märchenhaftem Erzählton an "Die letzte Welt" an, führt aber in eine ganz andere Welt: in das China des späten 18. Jahrhunderts. Der in seinem Reich gottgleiche und allgewaltige Kaiser Quiánlóng hat den genialen englischen Uhrmacher Alister Cox mit einigen seiner besten Handwerker an seinen Hof eingeladen, um ihn noch nie da gewesene, hochkomplexe Uhren bauen zu lassen. Cox, der mit dieser weiten Reise zugleich über bittere persönliche Schicksalsschläge hinwegzukommen hofft, erhält nach seiner Ankunft in Beíjing Zutritt zu der "Verbotenen Stadt", wo eine eigene, großzügig ausgestattete Werkstatt für ihn eingerichtet wird.

Die ersten beiden Uhren, die Cox erbaut, sollen die Subjektivität der menschlichen Zeiterfahrung anschaulich machen, eine dritte - konstruiert als Perpetuum mobile - soll nicht weniger als die Ewigkeit vermessen. Für Cox vollendet sich mit dem Bau dieser völlig neuartigen und unerhört kostbaren Uhren zugleich sein künstlerisches Werk. Doch je länger der Aufenthalt der Engländer in der "Verbotenen Stadt" sich hinzieht, umso schärfer treten die Gegensätze zwischen den beiden Kulturen hervor. Und am Ende steht sogar das Leben von Cox und seinen Helfern auf dem Spiel.

Der von der Kritik zu Recht mit viel Lob bedachte Roman erzählt auf faszinierende Weise von der Subjektivität der Zeit und von den gesellschaftlichen und menschlichen Konsequenzen absoluter Machtausübung.

Der Leser taucht in eine scheinbar ferne und exotische Welt ein und wird schnell in ihren Bann geschlagen, vor allem durch die unvergleichliche Sprachmächtigkeit dieses Romans und durch die dramatische Zuspitzung des erzählten Geschehens.

DR. RONALD SCHNEIDER

Ransmayr, Christoph: Cox oder der Lauf der Zeit; S. Fischer Verlag: 2016.

Quelle: RP
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