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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Eine vergessene Flüchtlingstragödie

Dinslaken. Dem Wiener Schriftsteller Andreas Pittler, ein in Österreich bekannter Romancier und Sachbuchautor, erzählt in seinem neuen Roman "Das Totenschiff" von einer Schiffskatastrophe aus dem Zweiten Weltkrieg, die von beklemmender Aktualität ist. Im Dezember 1941 läuft ein 60 Jahre alter, schrottreifer Dampfer, die "Struma", mit fast 800 jüdischen Flüchtlingen an Bord in Constanza aus, mit dem Ziel Palästina.

Nach 70 Tagen Irrfahrt und einem Maschinenschaden erreicht das völlig überladene Schiff den Hafen von Istanbul, wo es sofort unter Quarantäne gestellt wird. Nach zwei Monaten der Ungewissheit, des Hungers und katastrophaler hygienischer Zustände an Bord lassen die türkischen Behörden die manövrierunfähige Struma aufs offene Meer hinausschleppen, wo sie nur einen Tag später durch ein (vermutlich) russisches Torpedo versenkt wird. Alle Flüchtlinge bis auf einen 19-jährigen rumänischen Juden sterben im eiskalten Wasser. Der Roman hält sich eng an die Fakten und schildert das tragische Geschehen in (fiktiven) Briefen des einzigen Überlebenden der Katastrophe: des jungen David Stoliar. In seinen Briefen schildert David zunächst die immer massiveren Diskriminierungen und Verfolgungen der rumänischen Juden 1940 und 1941, die seine Familie zu einem verzweifelten Rettungsplan greifen lassen: zum Kauf einer völlig überteuerten Schiffspassage für die längst überbuchte "Struma". Der bedrückend aktuelle, historische Roman beginnt etwas spröde, gewinnt aber mehr und mehr an Dramatik und zieht seinen Leser immer mehr in seinen Bann. Und man assoziiert beim Lesen unweigerlich die fast täglichen Meldungen heutiger Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer: eine ebenso fesselnde wie beklemmenden Lektüre.

DR. RONALD SCHNEIDER

Pittler, Andreas: Das Totenschiff. Roman; Mandelbaumm Verlag: 2016.

Quelle: RP
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