| 00.00 Uhr

Dinslaken
Einzigartiger Stilmix auf höchstem Niveau

Dinslaken: Einzigartiger Stilmix auf höchstem Niveau
Die Band Oregon ist schon lange kein Geheimtipp mehr. FOTO: Lars Fröhlich
Dinslaken. Mit einem umjubelten Sonderkonzert von "Oregon" startete die Jazz-Initiative in ihre neue Konzert-Reihe. Von Bettina Schack

Nach dem ersten Stück überlegt es sich Ralph Towner trotz des Grippe-Wetters draußen anders und verschwindet hinter der Bühne des Ledigenheims, um den warmen Pulli gegen ein legeres Hemd zu wechseln. Warm ums Herz dürfte es an diesem Abend nicht nur dem Gitarristen und Pianisten geworden sein, so mancher im Saal verband mit der Band, die mit einem Sonderkonzert die diesjährige "Jazz in Dinslaken"-Reihe eröffnete, persönliche Konzerterinnerungen, die bis in die Anfänge der 70er Jahre zurückreichten. Einer von ihnen war Johannes Hermens, Vorstand der Jazz-Initiative Dinslaken. "Ich habe Oregon zum ersten Mal am 3. November 1973 erlebt", erzählte er bei seiner Begrüßung der zahlreichen alten und neuen Hörer der Reihe, "damals galten sie noch als Geheimtipp unter Eingeweihten".

Ein Geheimtipp sind Oregon schon lange nicht mehr, eher eine Legende mit Kultstatus. Und auch das hat sich geändert: Gründungsmitglied Ralph Towner bedient auch ein Tablet auf seinem Flügel. Das Stück, in dem die elektronischen Spielereien am atmosphärischsten zum Tragen kommen, stammt aus der Feder des Multinstrumentalisten Paul McCandless, der ebenfalls von Anfang an dabei ist. Unverändert aber ist die einzigartige musikalisches Mischung von Oregon: Worldmusik steht neben "klassischem" Bebop, Latin wechselt sich mit experimentellen Improvisationen ab. Verlässlich sind in einem Oregon-Konzert lediglich zwei Dinge: Kein Stück klingt wie das andere, aber was das Quartett anpackt, hört man auf höchstem musikalischen Niveau.

Aeolus ist der Gott des Windes. Ralph Towner hat ein Stück nach ihm benannt und durch diese Komposition weht ein frischer Wind. Mark Walker lässt das Lüftchen auf den Becken seines umfangreichen Percussion- und Schlagzeug-Sets säuseln.

Dann wirbelt in Klavier und Solosaxophon ein Thema wie Herbstlaub, wie es in der späten Romantik nicht schöner und emotionaler in Töne hätte gesetzt werden können. Die Wirkung ist umso stärker, da dass Publikum noch die treibenden Synkopen einer neuen Version von "Creepers" im Ohr hat. die wiederum einem raffinierten Folk-Stück auf dem Fuß folgen, in dem die Taktarten Reigen tanzen.

Paolino dalla Porta zupft auf seinem Kontrabass das ostinate Fundament einer Pavane, die von Towner und McCandless kunstvoll variiert wird. Das Stück könnte aus der Spätrenaissance stammen, wären da nicht die Parallelen in der Stimmführung. Und würde der schwere Schreit-Rhythmus nicht auf einmal in einen swingenden Offbeat umschlagen.

Mit Akribie hält Paul McCandless Ordnung in seiner Sammlung von Mundstücken: für die Oboe, für seine Saxophone in allen Größen, für die Bassklarinette. Schon die klangliche Vielfalt, die er alleine durch seine Instrumente zum Bandsound dazu steuert, ist faszinierend. Egal, in welchem Stil Oregon gerade zu Hause ist, alles klingt transparent und filigran. Ist Towner nun ein außergewöhnlicher Konzertgitarrist am Flügel oder ein exzellenter Pianist mit einem Händchen fürs akustische Gitarrenspiel?

Das Publikum feiert seine Helden mit Beifall im Stehen, diese bedanken sich mit gleich mit zwei Zugaben.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Dinslaken: Einzigartiger Stilmix auf höchstem Niveau


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.