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Hintergrund
Erinnerungen an einen "phänomenalen Lehrer"

Dinslaken. Am 12. Dezember 2015 wird Gunter Demnig zum vierten Mal "Stolpersteine" in der Dinslakener Innenstadt verlegen. An diesem Tag wird auch an die Familie Louis Isaacson erinnert. Anne Prior hat für die RP die Geschichte vom Walter Isaacson aufgeschrieben.

Dinslaken Die Familie Isaacson - das waren Vater Louis, seine Ehefrau Fanny und die drei gemeinsamen Kinder Walter, Emmi und Bernhard. Louis lebte wie seine Brüder Dagobert und Benjamin vom Viehhandel. Zunächst wohnte die Familie an der Bahnstraße, seit dem Jahr 1919 schließlich an der Hünxer Straße 25. Sohn Walter kam 1909 auf die Welt, Tochter Emmi 1912 und Bernhard als jüngstes Kind im Jahr 1915.

An dieser Stelle soll der älteste Sohn der Familie, Dr. Walter Isaacson, vorgestellt werden.

Walter Isaacson besuchte das Städtische Realreformgymnasium Dinslaken seit 1919 und bestand dort Ostern 1928 sein Abitur. Sein Abiturzeugnis unterschrieben so bekannte Dinslakener Lehrerpersönlichkeiten wie Kaufhold, Zorn und Nordsieck. Ein erstes Semester verbrachte er im Sommer 1928 in Freiburg, weitere folgten in Köln und Bonn. Dort studierte er Germanistik, Geschichte und Philosophie. Im Jahr 1933 verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn die "Rechte eines Doktors der Philosophie". Seine schriftliche Arbeit über die "Geschichte des Niederrheinisch-Westfälischen Kreises 1648-1667" wurde mit der Note "Sehr gut" bewertet, die mündliche Prüfung bestand er mit der derselben Note.

1934 bewarb er sich bei Hugo Rosenthal in Herrlingen/Württemberg. Der Pädagoge leitete das "Jüdische Landerziehungsheim" Herrlingen, ein Nachfolger des von der Familie Essinger gegründeten "Landschulheims" Herrlingen. An der Gründungsfeier 1926 hatte auch der Reichstagsabgeordnete und spätere erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss teilgenommen. Das Landerziehungsheim war eine sehr bekannte Einrichtung in Süddeutschland und beherbergte bis zu 100 Schüler.

Anna Essinger war im Sommer 1933 mit 66 Kindern und Jugendlichen des Landschulheims nach Großbritannien in die Grafschaft Kent geflohen und hatte dort "New Herrlingen" gegründet. Dr. Walter Isaacson trat seine Stelle im Frühjahr 1934 an. Eine Kollegin aus dieser Zeit bescheinigte ihm "seltenes Lehrtalent" - außerdem sei er eine "starke Persönlichkeit mit ausgesprochener Eigenprägung" gewesen. "Saxo", wie er genannt wurde, war bei Schülern und Kollegen gleichermaßen beliebt. In den Jahren 1935 und 1936 befand sich auch Bernhard Isaacson in Herrlingen. Den Novemberpogrom 1938 erlebte Dr. Isaacson bei einem Freund in Bonn. "Die heiligen Bücher wurden verbrannt und zerstört." Noch viele Jahre später erinnert sich Tochter Aliza an die Worte ihres Vaters. Die Geschwister Emmi und Bernhard lebten zu diesem Zeitpunkt in Berlin. Das Elternhaus in Dinslaken wurde während des Pogroms nicht zerstört, Louis Isaacson entging aufgrund seines Alters einer Verhaftung. Die Häuser seiner Brüder Benjamin und Dagobert wurden jedoch niedergebrannt. Dr. Walter Isaacson wurde endgültig klar, dass es eine Zukunft in Deutschland nicht mehr geben konnte und bereitete die Flucht seiner Familie nach Großbritannien vor. Anhand eines in der Familie aufbewahrten und für sie damals gesperrten Sparkassenbuches aus dem Jahr 1939 kann der staatliche Raub am Eigentum der Familie Isaacson heute noch nachgewiesen werden.

Im Juli 1939 erreichte die Familie Großbritannien. Dr. Walter Isaacson hatte zuvor Lucie Schachne, eine ehemalige Schülerin aus Herrlingen, in Berlin geheiratet. In seiner neuen Heimat arbeitete er zunächst als Lehrer bei Anna Essinger in "New Herrlingen"/Kent. Von 1942 bis 1963 unterrichtete Dr. Walter Isaacson an der Kilburn Grammar School in London Geschichte und Latein. Seine Geschwister Emmi und Bernhard wanderten 1950 nach Australien aus.

Die Ehe von Dr. Walter Isaacson und Lucie Schachne wurde in den frühen vierziger Jahren geschieden. In zweiter Ehe heiratete er 1949 Inge Reich, eine Tochter von Dr. Felix Reich aus Berlin. Dessen Vater, Markus Reich, hatte 1873 die "Israelitische Taubstummenanstalt Berlin-Weissensee" gegründet und Maßstäbe in der Gehörlosenpädagogik gesetzt. In Berlin erinnert der Markus-Reich-Platz vor dem jüdischen Friedhof Weissensee an ihn.

Dr. Walter Isaacson verehrte Martin Buber und Franz Rosenzweig. Rosenzweigs Hauptwerk "Stern der Erlösung" übersetzte er ins Englische. Publiziert wurde seine Übersetzung jedoch nie.

Am Ende seines Lebens entdeckte er sein Talent zum Zeichnen und Malen neu. Schon sein Abiturzeugnis aus dem Jahr 1928 wies ein "Sehr gut" in "Zeichnen und Kunstunterricht" aus. Das letzte von ihm gemalte Bild zeigt sein Elternhaus an der Hünxer Straße in Dinslaken. Oft redete er die Menschen in seiner Umgebung in seiner Muttersprache an. Seine alte Heimat, Dinslaken und den Niederrhein, hat er nie vergessen.

Im März 1999 starb Dr. Walter Isaacson in einem jüdischen Altenheim in London. Seine letzte Ruhe fand er in Israel, wo seine Tochter Aliza mit ihrer Familie wohnt. Im Rosengarten des Gladstone Parks in London erinnert eine Gedenktafel an ihn und seine Frau Inge. Gestiftet wurde sie von ehemaligen Schülern und Tochter Aliza. "Er war ein phänomenal erfolgreicher Lehrer", hieß es in einem Nachruf.

Quelle: RP
 
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