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Dinslaken
Ein Abend der sanften Balladen

Fantastival Dinslaken 2016: Ein Abend der sanften Balladen
Handgemachte Musik: Gregor Meyle (Mitte) und seine Band im ausverkauften Burgtheater. FOTO: Heiko Kempken
Dinslaken. Gregor Meyle, Musiker aus "Sing meinen Song", begeisterte rund 2000 Fantastival-Besucher im Burgtheater.

"Zum Meyle geh'n wir nicht mehr", unkt der Sänger selbst mit schwäbischen Dialekt, "das ist ja wie in der katholischen Kirche: aufstehen - setzten - aufstehen - setzen ..." Und nicht nur das, im Burgtheater war es auch voll wie in der Kirche zu Weihnachten. Der Unterschied: Es war Sommer. Richtig Sommer. Ein lauer Abend unter den Bäumen des Burgtheaters und draußen am Ententeich, wo diejenigen auf Decken saßen, die drinnen im ausverkauften Rund eh keinen Platz mehr gefunden hätten. Die idealen Bedingungen, entspannt einer Band zu lauschen, die mit Bläsersektion und gleich zwei Violinen musikalisch bestens ausgestattet war, sich aber bis auf wenige Ausnahmen gegen Ende des Konzerts zurücknahm.

Es war ein Abend der sanften Balladen, der positiven Texte, eines Mannes mit Strohhut und Gitarre, dem es gelingt, mit den Musikerprofis aus einer Fernsehshow vor 2000 Leuten die Bodenständigkeit und Authentizität einer Clubsession zu vermitteln. Weil Gregor Meyle wohl wirklich so ist. Gegen Ende des Konzertes wird er seinen Text vergessen und keiner nimmt es ihm übel. "Was ist schon normal" singt er doch selber. So etwas ist normal. Menschlich. Nachvollziehbar. Genau das, was die Stärke von Gregor Meyle ausmacht und Tausende in seine Konzerte lockt. Einfach mal entspannen, abschalten und Texten lauschen wie "Hier spricht dein Herz: Ich bin immer ehrlich zu dir. Behalt dein Lächeln im Gesicht".

Abschalten. Ehrlich gesagt, so einfach ist es nicht. Und das liegt nicht nur daran, dass der Hobbykoch Meyle, der von Tim Mälzer entdeckt wurde und von Xavier Naidoo in "Sing meinen Song" einem Millionenpublikum bekannt gemacht wurde, die ganzen Animationsspielchen eines Rockkonzerts nicht nur ironisch kommentiert, sondern auch perfekt beherrscht. Also: Aufstehen, weil man nicht bei den Amigos oder dem Fernsehgarten ist. Klatschen, aber dynamisch von der Turnhallen-Lautstärke über die Kreissporthalle zur Stadion-Kulisse. Mitsingen. Das geht sogar zweistimmig.

Gregor Meyle singt "Keine Macht den Pessimisten", verbreitet ein warmes "Dann bin ich zuhaus"-Gefühl. Aber Abschalten im Sinne von sich einlullen lassen und die Augen vor der Welt verschließen lässt er nicht. Meyles Fan-Shirts sind Bio-Hemden nach Global Organic Textile Standard und wenn er Dinslaken bei einer Moderation als "romantischste Stadt" bezeichnet, schließt er gleich "und die toleranteste Stadt" an, weil ihm der Stand der Aktion "Tolerantes Dinslaken" am Eingang nicht egal ist. Er singt "Jeder Mensch ist ebenbürtig", wenn er die Flucht übers Mittelmeer aus der Sicht eines arbeitslosen Familienvaters nachzeichnet: "Alles was er brauchte, war 'ne Chance". Nizza, Brexit. Meyle lässt nichts unerwähnt, was die Menschen derzeit beschäftigt. Als er von seinem Durchbruch spricht, erwähnt er Roger Cicero. Langanhaltender Applaus im Burgtheater, wo dieser 2012 noch selbst an gleicher Stelle auf der Fantastivalbühne stand.

Damals spielte Ciceros Band Jazz und Swing mit deutschen Texten. Gregor Meyles Musiker mischen zudem Americana, Balkan-Jazz und Irish Folk in die Arrangements. Dies sind die musikalisch stärksten Momente des Abends. Meyle joggt in Blues-Brothers-Manier über die Bühne, bis er außer Atem ist, der irischen Gigue auf der Fiddle folgt ein Schlagzeugsolo ebenfalls im Dreiertakt.

Zum Schluss spielt die Band unplugged auf der Vorbühne, nur ein einziges Standmikro überträgt die leise, handgemachte Musik bis zu den Menschen im Wandelgang. 2000 Leute sind still, lauschen. Schon vorher haben die meisten von ihnen ihre Smartphones für zwei Stunden in der Tasche gelassen. Abschalten. "Hier spricht dein Herz".

(bes)
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