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Kolumne Neu In Der Stadtbibliothek
Flucht und Migration als Chance

Dinslaken. Ilija Trojanow ist ein erstaunlich vielseitiger Schriftsteller: ein erfolgreicher Romancier und Reiseschriftsteller, Autor von Reportagen und politisch engagierten Sachbüchern. Sein neuer Prosaband, im Untertitel als "autobiografischer Essay" ausgewiesen, beleuchtet das aktuelle Thema "Migration" auf ungewöhnliche Weise.

Geht es in den Medien beim Thema "Flüchtlinge" in der Regel um Obergrenzen und Integration, um Gefahren und Kosten, so ist Trojanows Thema die prekäre Lebenssituation des "Geflüchteten", die existenzielle Herausforderung und die mentalen Prägungen des Flüchtlings-Daseins. Und hier kann Trojanow beispielhaft auf sein eigenes Lebensschicksal zurückgreifen: 1965 in Sofia geboren, floh er als kleiner Junge mit seiner Familie aus Bulgarien über Italien nach Deutschland, wo er 1972 politisches Asyl erhielt. Später lebte er unter anderem in Kenia und Südafrika, heute wohnt er in Wien.

"Die Flucht wirkt fort, ein Leben lang" - so bilanziert Trojanow seine eigenen Erfahrungen als Flüchtling, der noch immer nicht "angekommen" ist und irgendwo im "Dazwischen" lebt. Er rekapituliert die einzelnen Stationen seiner Migration, die vom Heimatverlust und der Fremdheit im Ankunftsland über den Sprachwechsel bis zu einem dauerhaften Leben im Wurzellosen, reichen, als Wanderer zwischen den Welten. Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch, dessen Verluste Trojanow ebenso genau analysiert wie seine Chancen zu einem Neuanfang. Dabei muss sich der Geflüchtete vor allem von zwei Illusionen lösen: dass ihm sein Herkunftsland "Heimat" bleibt und dass es für ihn ein endgültiges "Ankommen" im Gastland gibt. Trojanow ist ein Autor, der an die gesellschaftsverändernde Kraft des Wortes glaubt, und so will er hier, mit diesen ebenso nachdenklichen wie nachdenkenswerten Betrachtungen, die vielen Klischees der öffentlichen Diskussion aufbrechen und für die Chancen der Migration werben - für die Geflüchteten ebenso wie für die Gastländer. Denn, so Trojanow, "die Menschheit kann nur kosmopolitisch überleben".

DR. RONALD SCHNEIDER

Trojanow, Ilija. Nach der Flucht; S. Fischer Verlag: 2017.

Quelle: RP
 
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