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Dinslaken
Fontane lässt Fischer nicht mehr los

Dinslaken. Hans-Peter Fischer hat sich erneut von Fontanes "Irrungen, Wirrungen" packen lassen.

Es hat ihn gepackt und lässt ihn einfach nicht mehr los. Für Hans-Peter Fischer sind Theodor Fontanes "Irrungen, Wirrungen" zum kunstvoll angelegten Garten geworden, in dem man immer wieder aufs Neue Zeit verbringen kann, um jedes Wort wie ein aufblühendes Pflänzchen zu betrachten und um sich in dem einen oder anderen von Fontane angelegten Irrgärtchen zu verlieren. "Dinge, worüber man nie ins Reine kommt", hat der ehemalige Dinslakener Gymnasiallehrer seine neueste Publikation sinnreich betitelt, "oder tausend Gründe Theodor Fontanes 'Irrungen, Wirrungen' (erneut) in die Hand zu nehmen".

Als das Buch Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts erschien, waren Fontanes Zeitgenossen befremdet. Da lässt sich eine ungebildete Näherin (sie kennt Schillers Werke nicht!) auf einen Adligen ein und erscheint gegenüber dem jungen Offizier auch noch als die moralisch Überlegene. Nicht einmal vom Schicksal wird sie abgestraft. Als der Adlige standesgemäß seine reiche Cousine heiratet, weil sein eigener Vater das Vermögen im Spiel durchgebracht hat, kriegt sie, wenn schon nicht die Liebe, so wenigstens Geld in Form eines wohlmeinenden Ex-Missionars und wohlhabenden Fabrikanten.

Längst regt der Inhalt niemanden mehr auf. Aber das macht die Entschlüsselung des Romans nicht einfacher. Die Irrungen, Wirrungen stecken voller Stolperfallen für den heutigen Leser. Und hier setzt Hans-Peter Fischer an. Mit einem Blick, der unter die Oberfläche und weit links und rechts vom Text gerichtet ist. Schon im letzten Buch zum Thema zog er Analogien zu den Märchen von Hans Christian Andersen. In der aktuellen "Kleinen Romanführer & Aufsatzsammlung" führt er zudem an, was Berlin im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bewegte und richtet seinen Blick auch verstärkt auf die Nebenfiguren: Zum klaren Vorteil für Bothos flachsblonde Gattin Käthe und sehr zum Nachteil des Onkels Osten. Abgründe tun sich da auf, angedeutete schwerste Verfehlungen, die auch heute als Skandale erschüttern würden.

Hans-Peter Fischer schreibt assoziativ, stichwortartig, anreißend und andeutend. Ein Autor der Moderne, der dem Schriftsteller einer vergangenen Epoche auf den Fersen ist, dort zu packen versucht, wo dieser selbst vor literarischen Vorbildern inne hält. Zum Verweilen laden die Illustrationen der 328-Seiten-Analyse ein. Sie stammen einmal mehr aus dem mit sicherem wie lockerem Strich geschwungenen Tuschepinsel von Barbara Grimm. bes

Hans-Peter Fischer, "Dinge, worüber man nie ins Reine kommt", Könighausen & Neumann, Würzburg 2016, 48 Euro.

(bes)
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