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Dinslaken
Frau Kürzels Gespür für Steno

Dinslaken. 67-jährige Pensionärin aus Dinslaken gewinnt zwei Goldmedaillen bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften in Stenografie und Computerschreiben Von Birgit Gargitter

"Könnten Sie Steno, hätten wir das Interview sicherlich in fünf Minuten abgehandelt", den Seitenhieb kann sich Sigrid Kürzel nicht verkneifen. Nun, mit dem Namen bleibt der 67-Jährigen nichts anderes übrig, als mit Goldmedaillen ausgezeichnete Stenografin zu sein.

Da kann niemand mithalten, der zwar in der Schule Steno gelernt, aber es später nie angewendet hat. Stenografie ist eine aus einfachen Zeichen gebildete Kurzschrift. Sie ermöglicht eine schnellere Schreibweise, so dass ein im normalen Tempo gesprochener Text von Profis mitgeschrieben werden kann. Ganze Wörter werden zu Kürzeln zusammengefasst.

Eine hervorragende Sache findet Sigrid Kürzel, doch mit Einzug der Diktiergeräte und Computer sei die Stenografie fast gänzlich verschwunden. Nicht so für Sigrid Kürzel. Die gebürtige Chemnitzerin hat früher als Gerichtsstenografin gearbeitet, erst in Chemnitz, später, nach der Wende und ihrem Umzug nach Dinslaken, am Landgericht Essen.

Selbst nach ihrer Pensionierung lässt sie die Arbeit nicht los. Da es immer weniger Stenografen gibt, werden Freiberufler geschätzt, denn die Landtage und der Bundestag lassen ihre Plenarsitzungen immer noch durch Stenografen schreiben.

"Ich stenografiere hin und wieder die Plenarsitzungen im Magdeburger Landtag mit," erzählt die 67-Jährige. Und zwar so, dass sie am Ende einen Sinn ergeben. "Oft bringen Politiker ihre Sätze nicht zu Ende, verhaspeln sich, setzen ihre Rede nicht in die richtige Reihenfolge, auch das müssen wir Stenografen bereinigen." Zurufe und Beifall müssen ins Stenogramm einfließen. "Würde man die Rede auf Band aufnehmen, hören Sie zwar den Zwischenruf und den Beifall, aber niemand weiß später von wem dies kam, wir Stenografen vermerken das natürlich."

Zehn Minuten am Stück schreibt Sigrid Kürzel mit, dann springt der nächste Stenograf ein, während sie ihr Stenogramm übersetzt. Dafür hat sie eine Stunde Zeit. In der Regel sind zehn Stenografen mit einer Plenarsitzung beschäftigt.

Gute Deutschkenntnisse sind unerlässlich, erklärt Kürzel, die habe leider nicht jeder. Einfach ist der Beruf des Stenografen nicht, höchste Konzentration ist gefragt. Sigrid Kürzel schafft bis zu 375 Silben in der Minute, "mehr als 475 gehen nicht, so schnell kann niemand sprechen".

Zwei Stunden pro Tag übt die Seniorin, um fit für die Meisterschaften zu bleiben. Schon immer übte die Stenografie einen gewissen Reiz auf sie aus. "Ich war Mitglied der DDR-Nationalmannschaft", erzählt sie. Noch heute ist sie Mitglied im Stenografenverein Leipzig, übt allerdings im Verein Oberhausen. Hin und wieder trifft sie sich mit den Gefährten aus DDR-Zeiten. "Wir verstehen uns und wollten uns nicht aus den Augen verlieren, obwohl viele von ihnen nicht mehr aktiv sind."

Drei Goldmedaillen, achtmal Silber und viermal Bronze hat Sigrid Kürzel bei den verschiedenen Meisterschaften geholt, die letzten zwei Goldmedaillen bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften am 18. Juni in Goslar.

Eine für ihre stenografischen Fähigkeiten, die andere in der Kombinationswertung Stenografie und Computerschreiben. Auf 380 Anschläge pro Minute bringt sie es. Die Höchstleistung liege bei 600 Anschlägen, allerdings können das nur die ganz großen Meister. Sie ist stolz auf ihr Gold und will weiter trainieren. "Jetzt, seit ich nicht mehr arbeite, habe ich ja mehr Zeit fürs Training, dadurch wird auch die Leistung immer besser."

Auch wenn Steno kaum noch gelehrt wird - beherrschen sollte man es, findet Sigrid Kürzel, schmunzelt und spricht jenen Satz: "Könnten Sie jetzt Steno ..."

Quelle: RP
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