| 18.36 Uhr
Dinslaken
Hackedicht und völlig ausgeflippst
Dinslaken: Hackedicht und völlig ausgeflippst
Der Popolski-Wahnsinn auf der Bühne: Andrzej, Mirek, die Rote Dorota (v.l.) und die eineiigen Zwillinge Henjek und Stenjek (im Hintergrund). FOTO: RPO
Dinslaken. Ras, dwa, che, sterre . . . und ab geht’s. The Pops, die wohl verrückteste Band jenseits und diesseits des Äquators, ist da. In der Kathrin-Türks-Halle. Und wieder einmal schreiben die Popolskis die Geschichte der Pop-Musik um. Die Zuhörer danken’s mit Jubeln, Kreischen, Tanzen, Schunkeln. Von Jörg Werner

Dass die Wiege aller Pop-Musik eigentlich in Zabrze im siebten Stock eines polnischen Plattenbaus steht, wissen die Dinslakener spätestens seit dem nun schon fast legendären März-Auftritt der Comedy-Truppe. Aber die Beweise dafür, die die Popolskis präsentieren, sind nun einmal so unglaublich, dass man sich ruhig ein zweites Mal vergewissern kann – und, wenn’s geht, auch ein drittes, viertes, fünftes Mal.

Drummer Pavel Popolski, der die völlig durchgeknallte Truppe anführt, drischt mit einer Urgewalt auf seine Tom-Tomkis ein, die nun wirklich nur daher kommen kann, dass er in seiner Jugend mit den Sticks den Mähdrescher ersetzen musste, dessen Motor Opa Pjotrek seinerzeit ausgebaut hat, um seine Mondmission zu starten, die ihn noch vor den Amerikanern auf den Erdtrabanten brachte. Überhaupt dieser Opa: 128 000 Top-Ten-Hits, vor Armstrong den Fuß auf den Mond gesetzt, neben der polnischen Flagge auch noch eine leere Flasche „Wudka“ nebst genauso leerem Gurkchen-Glas hinterlassen und während des Ausflugs dann mal eben Stings „Walking on the Moon“ und Heino Gazes „La-le-lu . . .“ komponiert – eigentlich völlig überflüssig, dass Pavel seine Erzählungen aus der Familiengeschichte immer wieder mit „Ich luge nicht, wenn . . .“ beginnt. Diesen Irrsinn kann doch niemand erfinden.

Also, bitte merken: Tony Marschalls „Schöne Maid“ ist nicht der Rumpelgassenhauer, für den wir ihn gehalten haben, sondern im Ursprung eine wunderschöne Ballade aus der Tiefe der polnischen Seele, die Bruder Danusz (ist nicht blind, sondern sieht nur praktisch nichts) nur geschrieben hat, um die ob der unentwegten popolskischen Hausmusik erzürnte Nachbarin zu besänftigen. Und die „Cheri Lady“ ist nicht der Schmachtfetzen, den die Herren Bohlen und Anders als Modern Talking verhunzt haben, sondern stammt als Hymne auf eine Kirschenverkäuferin auf dem Markt in Zabrze aus der Feder von Janusz, ein Werk, für das sich der schüchterne Familien-Benjamin im Rautenpullunder nach Meinung der Verwandschaft zwar schämen muss, zu dem er dann aber nach dem Genuss der 98-prozentigen Wudka-Spezialmischung von Pavel eine korrigierte Fassung nachreicht, die das Publikum zum Toben bringt. „Wudka“ rein, Hemd runter, der verklemmte Pullunder-Jüngling wird zum Tier, das keine musikalischen Grenzen mehr kennt. Die Stimmung erreicht den Siedepunkt. „Meine Gute!“ Pavel kann nicht nur Janusz’ Auftritt mit diesem Ausruf kommentieren. „Meine Gute!“ Das gilt genauso für Cousin Andrzej, der im Wettbewerb um das Prädikat „schonstes Mitglied der Familie“ nur die Konkurrenz der Roten Dorota, „der Heißeste von der Heißeste und der Schärfste von der Schärfste“, fürchten muss.

„Meine Gute!“ Das gilt auch für Mirek „Stratocastri“ Popolski, der laut Ankündigung des bekanntlich niemals „lugenden“ Pavel „der weltweit schnellste Polkagitarrensoli spielt und der Welt der Rastalocken gebracht hat, seit ihm als Kind in der Badezimmer der Fohn explodierte“. „Meine Gute!“ Das gilt auch für Isidor „Isi“ Popolski, von Gewicht und Stimme gewissermaßen die vier Brüder Gibb in einer Person, der mit seinem Sangesorgan, das Wudka-Gläser zerspringen und Hauswände reißen lässt, der eigentliche Grund ist, warum die Popolskis die Plattenbausiedlung fluchtartig verlassen mussten. „Meine Gute!“ Das gilt nicht zuletzt für Henjek und Stenjek Popolski, auch bekannt als „The Dobrze Horns“. Die Zwillinge sind nicht nur „der trinkfreudigste Bläsertruppe der Welt und der gute Onkels von der Familie“. Sie sind diejenigen, die die Kunst des neckischen Winkehändchens in ganz neue Dimension geführt haben. Das Dinslakener Publikum winkt begeistert zurück.

Meine Gute, was für eine verruckte Familie auf der Buhne. Hackedicht und völlig ausgeflippst. Darauf einen Wudka. Oder zwei. Oder drei. Dobrze!

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar